Monika Griefahn, Mitglied des Deutschen Bundestages a. D.

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Auf dieser Internetseite finden Sie Informationen über meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete (1998 bis Oktober 2009)

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    13.08.2009

    Geschichte live mit Wolfgang Thierse

    Bundestagsvizeprsident diskutiert auf Einladung von Monika Griefahn mit Schlern


    Wichtige Jubilen gibt es in diesem Jahr und damit diese auch gewrdigt werden, hatte Monika Griefahn ihren Bundestagskollegen Wolfgang Thierse nach Seevetal eingeladen. Thierse, als ehemaliger Bundestagsprsident und jetziger Stellvertreter einer der wichtigsten Menschen in der deutschen Politik, diskutierte mit Schlerinnen und Schlern der Gymnasien Meckelfeld und Hittfeld zu den Themen „60 Jahre Grundgesetz“ und „20 Jahre Mauerfall“. Da der SPD-Politiker in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, nahm die Wiedervereinigung breiten Raum ein. Es drfte fr die Schler eine sehr eindringliche Stunde in Geschichte gewesen sein, denn allesamt waren zu jung, um den Mauerfall miterlebt zu haben.

    In beiden Schulen erzhlte Thierse von seinem Leben in der DDR und davon, wie er den Mauerfall erlebte. Seine Familiengeschichte illustrierte die Absurditt des DDR-Staates. Denn: Er ist in einer thringischen Kleinstadt an der Grenze zu Bayern aufgewachsen, die mit dem Ziehen der innerdeutschen Grenze zum Sperrgebiet erklrt wurde. Als er spter in Berlin wohnte, bentigte er einen Passierschein, um seine Eltern zu besuchen. Als seine Mutter krank wurde und er in der Eile ohne Schein auftauchte, musste er Strafe zahlen. „So absurd war dieses Land“.

    Der 65-Jhrige lie die Ereignisse im letzten halben Jahr vor dem Mauerfall aus seiner Sicht Revue passieren und die Schler lauschten gebannt. Die Fluchtbewegungen vieler DDR-Brger, der Aufbruch, habe ansteckend gewirkt, und er selbst habe gesprt: „Wenn ich jetzt nicht mit auf die Strae gehe, wenn ich jetzt nicht mit kmpfe, dann werde ich mich ein Leben lang schmen.“ So wurde er quasi aus seinem Wissenschaftlerleben in die Politik katapultiert. Seine politische Leidenschaft habe sich seit jeher aus der Erfahrung von Ungerechtigkeit gespeist.

    Rund 200 Schlerinnen und Schler waren im Gymnasium Meckelfeld ins Forum gekommen, um mit Monika Griefahn und Wolfgang Thierse zu sprechen.

    Ob der heutigen Jugend dann nicht der Antrieb, sich zu engagieren aufgrund mangelnder Ungerechtigkeiten in diesem Land einfach abhanden gekommen sei, wollte ein Schler wissen. Monika Griefahn und Wolfgang Thierse waren zunchst erfreut, dass dieses Gefhl von Gerechtigkeit bei den Jugendlichen vorhanden war. „Aber das das so bleibt, dafr mssen wir auch jeden Tag kmpfen“, sagte Monika Griefahn. Und Wolfgang Thierse berlegte laut, ob es nicht doch Missstnde gebe, die womglich das Leben der nchsten Generation massiv beeintrchtigen wrden und die darum verbessert werden mssten. Und auch die Frage, ob er empfehlen knne, Politik als Beruf zu verfolgen, stimmte ihn nachdenklich: „Ich habe um jeden, der mit 20 Jahren Berufspolitiker wird, ein bisschen Angst. Es ist ein ffentliches Leben mit einem groen Druck. Man sollte erst einmal andere Erfahrungen manchen, damit die Politik einen nicht mehr so sehr formen kann“, meinte er und empfahl ein ehrenamtliches Engagement als guten Einstieg in die Politik.

    Entsprechend den bergeordneten Diskussionsthemen gab es Fragen zum Grundgesetz und warum Thierse nicht fr eine gesamtdeutsche Verfassung und gegen einen Beitritt der DDR gekmpft habe. „Ich hatte den Wunsch, dass es eine gemeinsame Verfassung geben sollte. Ich wollte auch, dass es keine chaotische Wiedervereinigung wird, sondern eine geordnete, und dass die Ostdeutschen dabei gleichberechtigt sind“, erzhlte Thierse. „Aber der Tempodruck 1990 war so gro, das war alles nicht so mglich.“ Nun schleppten die Ostdeutschen nach wie vor ein Benachteiligungsgefhl im Rucksack mit sicher herum. „Aber,“ so Thierse, „wir haben ein gutes demokratisches System. Es lebt vom Einmischen der Brger.“

    Thierse trennte das frhere politische System der DDR klar von den Biografien der Brger. Wer verlange, dass die Ostdeutschen, die zufllig in der DDR aufgewachsen sind, ihre Biografien aufgben, der verlange Unmenschliches. Er bleibe mit ostdeutschem Selbstbewusstsein bei seinem Satz, dass es ein richtiges Leben im falschen System gewesen sei.

    Um zu erklren, warum die DDR gescheitert ist, machte er ein Ungleichgewicht von Freiheit und Gerechtigkeit aus. Das Ideal des Kommunismus sei eine gerechte Gesellschaft, und Gerechtigkeit an sich auch erstrebenswert. In der DDR sei aber die Freiheit nicht bercksichtigt worden. „Freiheit und Gerechtigkeit gehren zusammen“, sagte der SPD-Politiker. „Sie brauchen einander in einem Gleichgewicht.“ Gerechtigkeit unter Preisgabe der Freiheit, daran sei die DDR gescheitert.

    Wolfgang Thierse gab bereitwillig Autogramme.