Monika Griefahn, Mitglied des Deutschen Bundestages a. D.

Archiv

Auf dieser Internetseite finden Sie Informationen über meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete (1998 bis Oktober 2009)

Archives

On this website you find information about my work as member of parliament (1998 - Oct. 2009)

Curriculum Vitae english Curriculum Vitae français Curriculum Vitae spanish Curriculum Vitae russian Curriculum Vitae chinese

    23.06.2009

    Jugendliche Amoklufer

    Experten und Computerspieler diskutierten in Buchholz


    Am Anfang der Veranstaltung „Jugendliche Amoklufer Ursachen und Folgen“ in Buchholz am vergangenen Montag stand der Antrag der niederschsischen SPD auf ihrem Landesparteirat, der forderte, politische Konsequenzen aus dem brutalen Amoklauf von Winnenden zu ziehen. Am Ende, nach einer dreistndigen Diskussion mit Medien- und Erziehungsfachleuten sowie mit professionellen E-Sportlern, stand die Erkenntnis, dass der Antrag besser anders gestellt werden sollte. Denn die von Kristina Stuntebeck moderierte Diskussion zeigte, dass die Ursachen fr Amoklufe tief in gesellschaftliche Strukturen zu suchen sind und dass strengere Regeln bei Medieninhalten oder beim Waffenrecht zu kurz greifen.

    Die SPD-Bundestagsabgeordnete Monika Griefahn, Gastgeberin vor Ort und Medienpolitikerin, bedauerte, dass auch nach dem jngsten Amoklauf von Winnenden eine anfnglich berlegte politische Debatte ber gesellschaftliche Ursachen wieder in Forderungen nach schrferen Regeln mndete. „Wir haben jetzt das Waffenrecht verschrft, weil es Forderungen waren, die an uns herangetragen worden sind, beispielsweise durch den offenen Brief der Eltern von Winnenden. Ich persnlich befrchte, dass das weitere Amoklufe nicht verhindern kann.“ Genau wie der SPD-Landesvorsitzende Garrelt Duin in seiner Einfhrungsrede sahen auch die Experten auf dem Podium und die Zuschauer zuallererst in einer Frderung der Familie das geeignetere Mittel. Angeprangert wurde von vielen Seiten das deutsche Schulsystem. Besonders deutlich wurde Erziehungswissenschaftler und Familientherapeut Wolfgang Bergmann: „Die moderne Schulpolitik ist ein einziger Skandal.“

    Auch die beiden E-Sportler Dennis und Daniel Schellhase beide mehrfache Weltmeister und professionelle Computerspieler sehen in der Schule Ursachen fr Amoklufe. berhhter Leistungsdruck und Mangel im Sozialen seien Teil des Problems. „Gewaltbereite Jugendliche und Amoklufer werden oft in einen Topf geworfen, sind aber zwei vllig verschiedene Dinge“, sagte Dennis Schellhase. „Amoklufer sind in der Regel nicht auffllig und gewaltbereit, sondern werden gemobbt.“

    Die beiden 25-Jhrigen Zwillingsbrder aus Gelsenkirchen spielen seit ihrem siebten Lebensjahr Computerspiele. Inzwischen gehren sie weltweit zu den bekanntesten E-Sportlern des Fuballspiels FIFA. Beide erklrten, dass der Spielbetrieb aufgebaut sei wie eine Bundesliga. Es gebe Tausende Zuschauer vor Ort bei den Turnieren und etliche weitere bei den Internetbertragungen. Es gebe fr sie tgliches Training, feste Spielzeiten und Preisgelder. Und, wie sie spter noch erzhlten, unterscheide sich der Karriereverlauf kaum von dem der Sportler in anderen Sportarten. Mit 25 seien die Reaktionen schon nicht mehr so schnell wie mit 19 Jahren, es gebe ein Leben nach der Karriere als E-Sportler. Darauf bereiten sich die Zwillinge derzeit mit einem Studium der Wirtschaftsinformatik vor. Die Preisgelder aus ihrem Sport reichen nicht nur, um das Studium zu finanzieren, sondern auch, um - so der Plan sich danach im E-Business selbstndig zu machen. Schtig, so die beiden, mache das nicht. Sie htten auch immer viele andere Hobbys und Freunde sowie einen groen Familienkreis gehabt. So ist ihnen wichtig, mglichst oft auch ganz herkmmlich Fuball zu spielen.

    Whrend bei den beiden Profis die Rahmenbedingungen in Familie und Umfeld offensichtlich gut waren, erklrte Familientherapeut Bergmann, unter welchen Voraussetzungen sich Amoklufer-Persnlichkeiten entwickeln knnen. Eine Mischung aus berhhtem Leistungsdruck durch ehrgeizige Eltern, das aussiebende Schulsystem, die Abstraktheit der heutigen Welt und einem Mangel an Liebe mache Kinder zu narzisstischen Persnlichkeiten und bereite damit den Nhrboden fr Gefhrdungen. „Die Narzissmus-Problematik findet sich in allen Grundformen moderner Verhaltensaufflligkeiten egal ob Magersucht oder Amoklauf“, fhrte er aus. Durch digitale Medien und den heutigen Strukturen von Familie und Schule zum Beispiel mit zu wenig Tanz- und Gesangselementen verlren Kinder die Mglichkeiten, sich selbst und ihre Krperlichkeit zu erleben. „Wir enthalten Ihnen das Abenteuer vor“, bemngelte er - und meinte, die Mglichkeiten ihren Krper, Verletzlichkeit und soziale Muster kennenzulernen. „Kinder sind unaufhrlich auf der Suche nach Bindungen in der Erwachsenenwelt und finden sie nicht“, beschrieb er das Problem. Daraus entwickele sich Narzissmus, Selbstverliebtheit, die in Computerspielen befriedigt werden knne. „Dort ist eine Landschaft mit einem Mausklick erschaffen und wieder zerstrt. Die Kinder inszenieren sich als Gott.“

    Er forderte, alles zu tun, um Kindern ihre Krperlichkeit, Sinnhaftigkeit, das Gefhl fr Zeit und Raum zu geben. Das sei die entscheidende Voraussetzung fr eine gesunde Persnlichkeitsbildung. Liebe, gepaart mit Respekt und klaren Positionen, die sich in Blicken, Sprache und Empfindungen ausdrckten, seien das beste Mittel gegen Amoklufe. Monika Griefahn pflichtete ihm bei: „Eltern, die alle Sinnerwartungen in ihre Kinder projizieren, lassen eine Last entstehen, die das Kind nicht tragen kann.“

    Auch Prof. Dr. Bernd-Rdeger Sonnen sieht sich mit dem Problem fehlgeleiteter Jugendlicher konfrontiert. Er ist Vorsitzender der Deutschen Vereinigung fr Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen Hannover. Er konstatierte, dass in den Familien viele Ursachen fr Straftaten zu suchen seien, er in seiner Funktion aber nicht die Mglichkeiten habe, an die Wurzeln zu gehen. Fr ihn sei klar: „Medien allein sind weder Auslser noch Ursache von Straftaten“.

    Letztlich nahmen insbesondere die politischen Vertreter den Auftrag mit nach Hause, fr bessere Rahmenbedingungen in Familie, Schule und Gesellschaft zu streiten. Nach Monika Griefahn sei das fr die SPD eine Herzensangelegenheit: Nicht zuletzt die im Wahlprogramm verankerten Positionen zur Schulpolitik und Familienpolitik gingen genau in diese Richtung. „Bei uns in Niedersachsen beginnt der Konflikt mit der Landesregierung leider schon beim Thema Gesamt- und Ganztagsschule“, so die rtliche Direktkandidatin, „Aber wenn wir es nicht schaffen, behtete Orte fr Kinder und Jugendliche zur Verfgung zu stellen, wo sie auch gefrdert werden, Musik- und Sportangebote bekommen, dann brauchen wir uns nicht wundern, wenn die Zahl der Computerschtigen immer weiter steigt.“ Zusammen mit Garrelt Duin machte sie klar, dass die SPD deshalb fr ganzheitliche und kostenlose Betreuung und Bildung fr jedes Kind vom ersten Geburtstag bis zum Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums eintrete.

    Den Einfhrungsvortrag hielt der renommierte Erziehungswissenschaftler und Familientherapeut Wolfgang Bergmann. Auf dem Podium saen Bernd-Rdeger Sonnen, Dennis und Daniel Schellhase, Kristina Stuntebeck, Monika Griefahn, Garrelt Duin und Wolfgang Bergmann (v.r.n.l.).