Monika Griefahn, Mitglied des Deutschen Bundestages a. D.

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Auf dieser Internetseite finden Sie Informationen über meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete (1998 bis Oktober 2009)

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    17.07.2000

    Rede: Treffen mit frz. KulturreferentInnen und Vertretern frz. Kulturinstitute


    ++ es gilt das gesprochene Wort ++

    Elemente für eine Rede der Vorsitzenden des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages, Frau Monika Griefahn, MdB, anläßlich eines Treffens mit frz. KulturreferentInnen und Vertretern frz. Kulturinstitute:

    Meine verehrten Damen und Herren,
    liebe Kolleginnen, Kollegen und Freunde,

    wir befinden uns hier im Kreis von Experten fr auswrtige Kulturpolitik, ich mchte daher sofort in medias res gehen.

    Welche Herausforderungen stellen sich der auswrtigen Kulturpolitik entwickelter Industriestaaten wie Frankreich und Deutschland durch die Globalisierung? Kann es in Europa zuknftig nicht nur eine GASP geben, sondern auch eine Gemeinsame Auswrtige Kulturpolitik? Wie mte sie formuliert sein? Auf nationaler Ebene: Gibt es Anknpfungspunkte fr ein strkeres gemeinsames Agieren der auswrtigen Kulturpolitiken unserer Lnder? Sollen wir unsere Energien auf nicht wegzuredende Konkurrenzen auf dem internationalen Bildungsmarkt richten oder auf die Suche nach Gemeinsamkeiten und Synergieeffekte? Wie mu die Auslandskulturarbeit strukturiert sein oder eventuell umstrukturiert werden, um Erfolg zu haben?

    Ein ganzer Strau von Fragen. Ich hoffe, dass wir hierzu eine intensive Diskussion fhren werden.

    Ein Kernsatz des krzlich von meiner Fraktion im Deutschen Bundestag eingebrachten Entschlieungsantrags zur Auswrtigen Kulturpolitik lautet: "Die Begegnung der Kulturen ist die Chance des 21. Jahrhunderts."
    Es handelt sich dabei um eine der Chancen, die man nicht ausschlagen kann, ohne massive Probleme zu bekommen. Es gibt Rufer, die das Gegenteil beschwren. Samuel Huntington hat 1993 mit seinem "clash of civilizations" den Teufel an die Wand gemalt. Ich halte zwar seine Zukunftsaussichten fr zu dster und pessimistisch. Aber seine Widerlegung kann schwerlich aus Nichtstun erfolgen, sondern sie mu aktiv erarbeitet werden. Die Antwort liegt in einer Strkung der auswrtigen Kulturpolitik als integralem Bestandteil unserer Auenpolitik.

    Vielleicht war es ein Fehler oder Versumnis, Globalisierung lange Zeit vornehmlich durch die Brille der Politik oder der Wirtschaft zu betrachten. Aber es hat einen Lernproze gegeben. Heute wird immer klarer, dass viele ihrer Wirkungen und Folgen unter kulturellem Vorzeichen stehen. Wir beobachten, dass die traditionelle Bindekraft von Nationalstaaten durch Globalisierungsprozesse abnimmt. Was liegt nher, als eigene Identitt verstrkt auf kultureller Basis zu suchen und zu definieren, z.B. anhand der Ethnie oder der Religion. Industrialisierte Staaten verbreiten die bei ihnen vorherrschenden Lebensformen weltweit. Das ist an sich nichts Schlimmes. Aber Andere fhlen sich hierdurch in ihrer eigenen kulturellen Identitt bedrngt oder gar bedroht und reagieren mit Abwehr. Und damit meine ich nicht die groe Zahl mehr oder weniger friedlicher Demonstranten, die sich aus vllig unterschiedlichen Motiven gegen das zusammenschlieen, was sie negativ unter Globalisierung verstehen, wie in Genua am vergangenen Wochenende oder vorher in Seattle, Prag, Nizza, Gteborg. Kultur und kulturelle Eigenschaften knnen nicht per se als friedlich gelten. Unterschiedliche Auffassungen ber kulturelle Aspekte werden hufig auf geradezu fundamentalistische Weise ausgetragen. Manche Beobachter der Globalisierung meinen denn auch, Kultur sei strker als Spaltpilz denn als Magnet oder friedlich einigendes Band zu definieren.

    Umso wichtiger ist heute der interkulturelle Dialog. Mit gutem Grund wurde das Jahr 2001 von den Vereinten Nationen zum Jahr des Dialoges zwischen den Kulturen gekrt. Dahinter steht die feste berzeugung, dass ein tieferes interkulturelles Verstndnis und die Achtung anderer Kulturen eine entscheidende Voraussetzung fr die Verhinderung von Konflikten ist - innerstaatlich ebenso wie zwischenstaatlich. Ein malaysischer Delegierter sagte bei der Verabschiedung der entsprechenden Resolution im Jahre 1998, es gehe darum, "bounteous crossroads" zu schaffen, Straenkreuzungen sozusagen, auf denen man miteinander ins Gesprch kommen kann. Der Begriff "Toleranz" mu eine ganz wichtige Rolle spielen - sowohl im eigenen Kulturverstndnis als auch in der internationalen Begegnung.

    Die Auswrtige Kultur- und Bildungspolitik der Bundesrepublik Deutschland ist seit langem dem Gedanken des Dialogs zwischen verschiedenen Kulturen verpflichtet. Ihre Austausch- und Frderprogramme untersttzen das gegenseitige Kennenlernen und den Dialog einer Vielzahl von Menschen unterschiedlicher Alters- und Bildungsstufen. Sie wirken langfristig und nachhaltig. Die Auswrtige Kulturpolitik, so legt es die im vergangenen Jahr verabschiedete Konzeption ausdrcklich fest, orientiert sich an den allgemeinen Zielen der deutschen Aussenpolitik - Frderung des Friedens, der Demokratie und der Menschenrechte - und untersttzt sie. Ich wei, dass die franzsische Kulturpolitik im Ausland hnlichen oder gleichen Zielen dient.

    Ich freue mich auch und mchte das an dieser Stelle betonen, dass es im Bereich der Auswrtigen Kultur- und Bildungspolitik ein hohes Ma an bereinstimmung zwischen Parlament und Bundesregierung gibt. Die von der erwhnten "Konzeption 2000" vorgenommene Positionsbestimmung findet im Deutschen Bundestag volle Zustimmung. Die Konzeption ist allerdings keine abschlieende Zustandsbeschreibung, sondern die Definition knftiger Aufgaben, ein Beginn und ein Arbeitsauftrag fr die Reform der Auslandskulturarbeit und fr die Anpassung von Strukturen an die sich globalisierende Welt.

    Die Nutzung neuer Technologien ist hierbei ein wichtiger Bereich. Schon heute spielt das Internet als Informations- und Kommunikationsmittel in allen Bereichen der Auslandskulturarbeit eine wichtige Rolle. Das reicht jedoch nicht aus. Um im internationalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit erfolgreich zu sein, muss das Internet als dynamisches Medium und Netzwerk genutzt, entsprechende Angebote bereitgestellt werden. Wenn sich die 'normale' Auslandskulturarbeit aus Kostengrnden mehr und mehr an Eliten und Multiplikatoren wendet, ist darber hinaus der Aspekt der durch das Internet mglichen Breitenarbeit sehr wichtig. Das Internet wird in Teilbereichen zu Einsparungen fhren. Es kostet im Prinzip nicht mehr, ob man eine Information an 20 Adressaten verschickt, an 20.000 oder an 2 Millionen. Um jedoch eine Internetprsenz zu erreichen, die Aufmerksamkeit erregt und aufrecht erhlt, insbesondere um dialogfhig zu werden, sind Investitionen erforderlich. Dies sind Investitionen in die Zukunft.

    Mit der Konzeption 2000 wurde auch die notwendige Strukturreform auf den Weg gebracht.

    • Die in diesem Jahr erfolgte Fusion von Goethe Institut und Inter Nationes und ein neuer Rahmenvertrag sind das sichtbarste Beispiel dafr. Wir versprechen uns von der Fusion eine effizientere Nutzung der Mittel fr die Auswrtige Kultur- und Bildungspolitik. Die Umsetzung der Fusion erfolgt auf der Grundlage eines von einem renommierten Wirtschaftsberatungsunternehmen erarbeiteten Konzepts.
    • Eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen dem Goethe-Institut Inter Nationes (GIIN) und dem Auswrtigen Amt ist im Personalbereich vereinbart worden. Danach sollen Mitarbeiter des Goethe-Instituts an den Auslandsvertretungen in Shanghai, Havanna, Teheran und Algier eingesetzt werden. Umgekehrt bernimmt der Kulturreferent der Botschaft Addis Abeba gleichzeitig die Leitung des dortigen GIIN-Instituts. Auerdem erfolgt ein Personalaustausch zwischen der Kulturabteilung des Auswrtigen Amts und der Zentrale des GIIN. Das ist fr das franzsische System nichts Besonderes, fr unsere Auswrtige Kultur- und Bildungspolitik aber sehr neu.
    • Auch die berlegungen zu einem vernderten Personaleinsatz werden vorangetrieben. Danach sollen in Zukunft verstrkt Ortskrfte sowie Projektkrfte aus dem deutschen Kulturleben einbezogen sein, die fr einige Jahre an ein Auslandsinstitut entsandt werden, also ebenfalls eine Annherung an die franzsische Praxis.
    • Der Kulturhaushalt des Auswrtigen Amts wird weiter flexibilisiert mit dem Ziel, bei den Mittlerorganisationen Anreize zu wirtschaftlichem Handeln zu schaffen. Dies soll nicht zur konomisierung unserer auswrtigen Kultur- und Bildungspolitk fhren, vielmehr dazu, dass die knappen Haushaltsmittel sinnvoller und sparsamer eingesetzt werden.
    • Die Koordination der Arbeit der deutschen Mittlerorganisationen im Ausland und der Auslandsvertretungen wird verstrkt. Im Musikbereich sind hierfr schon konkret neue Entscheidungsstrukturen zwischen GIIN, Deutschem Musikrat und Auswrtigem Amt geschaffen worden.

    Weitere Anstze kann ich aus Zeitgrnden hier nur stichwortartig erwhnen. Dazu zhlen z.B. die Erarbeitung von Regionalkonzepten fr die Auslandskulturinstitute in enger Abstimmung zwischen Auswrtigem Amt und Goethe-Institut Inter Nationes oder auch die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zur Evaluierung der Programmarbeit im Ausland. Dies soll dazu beitragen, auf der Basis empirischer Daten und sozialwissenschaftlicher Methoden unsere Investitionen in diesem Bereich genauer zu steuern und zu optimieren.

    Das Sponsoring wird fr Kulturveranstaltungen im Ausland immer wichtiger. Zur Zeit wird innerhalb der Bundesregierung ein Konzept erarbeitet, dass der Unabhngigkeit der Verwaltung gerecht wird, gleichzeitig jedoch auch neue Ressourcen fr die Auslandskulturarbeit erschliet. Mich wrde interessieren, wie stark Frankreich das Sponsoring fr diese Arbeit einsetzt und welche Erfahrungen Sie damit bisher gemacht haben.

    Schlielich der europische Faktor: auch unter Beachtung der Prinzipien der Subsidiaritt und der kulturellen Vielfalt reichen aus meiner Sicht die bisherigen Aktivitten auf dem Gebiet einer gemeinsamen europischen Kulturpolitik, wie sie u.a. im Programm "Kultur 2000" niedergelegt sind, nicht aus. Im globalen Verhltnis wird die Europische Union gerade auf kulturellem Sektor bisher nicht deutlich genug wahrgenommen. Nach meinem Eindruck wundern sich viele Staaten darber, dass die EU nicht deutlicher Flagge zeigt. Frankreich und Deutschland sollten hier eine Fhrungsrolle bernehmen. Ich kann mir gut vorstellen, dass beide Lnder Bereiche ihrer jeweiligen Auslandskulturarbeit definieren knnen, in denen sie sehr nutzbringend gemeinsam arbeiten. Das knnte von gemeinsamer Anmietung und Nutzung von Liegenschaften fr Kulturinstitute ber einander ergnzende Kulturprogramme bis hin zu gemeinsamen Veranstaltungen reichen. Dabei mu sichergestellt sein, dass eine solche Zusammenarbeit auch anderen EU-Mitgliedstaaten offensteht.

    Dass eine Zusammenarbeit selbst dort mglich und nutzbringend ist, wo zwischen unseren Lndern Konkurrenzen bestehen, zeigt sich am besten auf dem hart umkmpften internationalen Studien- und Forschungsmarkt. Angesichts einer angelschsischen Dominanz ergeben sich fr Deutschland und Frankreich sehr interessante Kooperationsmglichkeiten. So haben sich deutsche und franzsische Hochschulen - und zwar auf Initiative unserer beiden Konsulate vor Ort - im vergangenen Jahr mit groem Erfolg auf einem gemeinsamen Stand bei der 'Education & Careers Expo' in Hongkong prsentiert unter der berschrift 'Studying in the Heart of Europe'. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und die franzsische Agentur fr Hochschulmarketing (EduFrance) haben Gesprche aufgenommen, um Mglichkeiten zur weiteren Zusammenarbeit zu identifizieren.

    Mit Interesse habe ich erfahren, dass krzlich dem Ausschuss fr Auswrtige Angelegenheiten der franzsischen Nationalversammlung ein Bericht ber den Zustand der franzsischen Kulturzentren im Ausland vorgestellt wurde. Soviel ich wei, hneln viele der dort behandelten Themen und Probleme denjenigen auf deutscher Seite. Mich wrde Ihre Einschtzung dieses Berichts interessieren. Felder fr ein vielversprechendes gemeinsames Vorgehen Frankreichs und Deutschlands sind vorhanden. Wir sollten nun die konkreten Mglichkeiten ausloten. Ich untersttze daher die von den Kulturdirektoren der Auenministerien jngst verabredete Initiative zu einer verbesserten Abstimmung der Programmarbeit von GIIN und den franzsischen Instituten, die nach der diesjhrigen Rentre begonnen werden soll.