Monika Griefahn, Mitglied des Deutschen Bundestages a. D.

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Auf dieser Internetseite finden Sie Informationen über meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete (1998 bis Oktober 2009)

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    27.11.2004

    Rede: Europa eine Seele geben

    Berliner Konferenz fr europische Kulturpolitik, 26. - 27. November 2004


    ++ es gilt das gesprochene Wort ++

    Ich möchte daran erinnern: Wir haben am 22. Januar 2003 mit etwa 1000 Menschen in Versailles gesessen. Das waren Abgeordnete der Assemblée Nationale und des deutschen Parlamentes, die sich in Versailles getroffen haben, um das 40jährige Jubiläum des Elysée-Vertrages zu feiern. 40 Jahre Elysée das ist ein Vertrag, der besonders davon ausging, dass Bürger sich treffen, dass Bürger und Zivilgesellschaft etwas miteinander zu tun haben. Die Abgeordneten haben das erste Mal die Möglichkeit gehabt, mit den Kollegen aus dem anderen Parlament nebeneinander in bunter Reihe und nicht geordnet zusammenzusitzen. Und selbst Kollegen, die überhaupt nichts mit der deutsch-französischen Arbeit oder mit internationaler Arbeit zu tun haben, waren bewegt von diesem Tag. Sie haben gesagt: „Das hat mir einfach gezeigt, was so ein Versöhnungsprozess, was so ein Austauschprozess bringen kann“.

    Wie kann es eigentlich sein, dass wir miteinander 500 Jahre Krieg hatten und hier jetzt gemeinsam sitzen und ein Stück weit wirklich die Seele Europas darstellen? Eigentlich waren die Abgeordneten ja nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wir haben 7 Millionen Jugendliche, die sich über das deutsch-französische Jugendwerk getroffen und voneinander gelernt haben. Ich habe im letzten Jahr junge Berufstätige eingeladen, die in das andere Land gefahren sind, um dort in ihrem Beruf jeweils in einer Arbeitsstätte zu arbeiten. Dabei haben sie festgestellt, dass sie viel zu wenig über das Land wissen. Automechaniker, Bäcker, Malergesellen haben gesagt: „Ich muss die Sprache lernen“. „Ich muss die Sprache lernen, damit ich die andere Kultur verstehe.“ Das zeigt uns, dass wir die Seele Europas nur erfassen können, wenn die Menschen sich begegnen. Es geht nicht nur über Konferenzen, an denen Experten teilnehmen, es geht auch nicht nur über Regierungen, die miteinander Kommuniqués austauschen, sondern es müssen sich die Menschen treffen. Sie müssen sich begegnen. Sie müssen die Unterschiede kennen lernen. Genau deswegen haben wir in der europäischen Verfassung verankert, dass die Unterschiede, die Vielfalt der Kulturen in Europa unsere Stärke, unsere Einheit ausmachen. Das ist der Unterschied z. B. zu den USA, die ja ganz bewusst auf den Melting Pot ausgerichtet sind. Ich glaube, wenn wir das als Prinzip verstanden haben, dass die Vielfalt unsere Stärke ist und dass wir diese Vielfalt kennen müssen, dann ist es eben auch notwendig, die Prioritäten anders zu setzen oder zusätzliche zu etablieren. Das heißt, dass auch die, die heute nur als Administration, als Verwaltung empfunden werden, genauso Geld dafür zur Verfügung stellen – Geld nicht nur für Treffen, nicht nur Senfordnungen oder Richtlinien über „Fernsehen ohne Grenzen“ oder über die Frage des Warenaustausches. Wie schaffen wir es, dass Menschen sich begegnen und dass sie tatsächlich die andere Kultur kennen lernen und dass sie diese unterschiedlichen Kulturen verstehen und akzeptieren und dann zu gemeinsamen Handlungen kommen?

    Hier sind wir bei der konkreten Forderung auch an andere Begegnungen zu denken. Das kann es beispielsweise in Form von Jugendaustausch, von Städteaustausch, von Austausch von Sportvereinen oder Chören geben. Und so etwas überträgt sich auf die Politik! Es soll hier nicht, wie es ja gestern schon anklang, nur bei Worten bleiben. Stattdessen kann es eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik nur geben, wenn man eben auch den Kulturbereich in diese Arbeit hinein nimmt und sich nicht nur darüber austauscht, wie man die Waffensysteme koordiniert, wie man die Soldaten koordiniert, sondern wie man gemeinsam als Europäische Union als Europäer im Ausland auftritt. Dann können wir tatsächlich auch Stärke in Positionen zeigen und werden nicht mehr, wie es im Moment passiert, auseinander dividiert, weil wir unterschiedliche Geschichten oder unterschiedliche Traditionen haben. Das ist beim Irakkrieg ganz deutlich geworden. Da waren wir nicht ein Europa, sondern da waren das so genannte alte und das neue Europa oder die, die dafür und die, die dagegen waren. Das hat aber mit den Hintergründen und den Historien zu tun. Also insofern geht die Aufforderung an die Politik und das muss natürlich zu den Bürgern transportiert werden, also wieder in die Zivilgesellschaft. Wir brauchen den gemeinsamen Auftritt von Kulturen aus Europa in anderen Ländern, nicht nur in Mittel- und Osteuropa, sondern auch in der arabischen oder asiatischen Welt und sollten uns da gemeinsam präsentieren, also nicht nur als Deutsche, Franzosen, Engländer, Polen, Tschechen oder als Bulgaren, sondern auf einer gemeinschaftlichen Plattformen. Da können wir dann auch zeigen, wir haben Unterschiede in Europa, wir haben ganz unterschiedliche Musik, unterschiedliche Kunst, unterschiedliche Sprachen, aber wir haben auch etwas Gemeinsames. Das ist dieses gemeinsame Europa, was uns zusammen hält, wo wir jetzt in Frieden miteinander leben und das ist etwas, was man vorzeigen kann. Denn nach den vielen Kriegen, die wir innerhalb von Europa hatten, ist dieser Versöhnungsprozess ein gutes Beispiel dafür, was in anderen Teilen der Erde erst noch gelernt werden muss. Das ‚Sich gemeinsam an einen Tisch setzen’, obwohl man Kriege miteinander hatte. Das geht nur, wenn sich Bürger direkt begegnen und es ist an uns, möglichst viele Plattformen zu schaffen, wo sich Bürger begegnen können.