Monika Griefahn, Mitglied des Deutschen Bundestages a. D.

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    06.11.2006

    Artikel fr die Kulturnotizen

    Kreativitt – ein Wirtschaftsfaktor?


    Worin besteht eigentlich der deutsche Wettbewerbsvorteil gegenber anderen Nationen, wenn heute und in Zukunft in Lndern wie Indien billiger gearbeitet, in China schneller produziert oder in Amerika mehr umgesetzt wird? Die Antwort wird immer klarer: Unser Vorteil ist unsere Kreativitt.

    International gesehen knnten wir mit unseren kreativen Leistungen fast einmalig sein. Deutsche Tftler und Bastler haben zwischen von A wie Airbag und Aspirin bis Z wie Zahnpaste und Zndkerze so ziemlich alles Mgliche erfunden. Fr den Bereich Kultur und Medien sind hier das Telefon, Mundharmonika oder der Plattenspieler zu nennen. Aber auch die Sozialgesetzgebung gehrt dazu, die beispielsweise in Form der Knstlersozialversicherung und der Knstlersozialkasse vielen Kulturschaffenden die notwendige Absicherung bietet. Auch deutsche Mode und Design zhlen etwas in der Welt. Klar ist also, dass wir im Bereich der kreativen Leistungen nicht nur Erfahrungen haben, sondern darin auch unsere Zukunft bestehen kann. Letztlich bietet die wachsende Kreativindustrie enorme Beschftigungspotenziale mit hochwertigen und innovativen Arbeitspltzen. Schon heute sind hier mehr Menschen ttig als in der Automobilindustrie.

    Doch was wre neben der stndigen, deswegen aber nicht berflssigen Forderung, die Kreativindustrie zu strken, dringend notwendig? Es msste ein wirklich kreatives Klima geschaffen werden, auch und vor allem im Kultur- und Mediensektor. Denn diese beeinflussen die neuen Einflle auch im technischen Sektor. Berlin ist - neben vielen anderen Regionen in Deutschland - ein gutes Beispiel dafr, dass durch Kreativitt und neue Ideen neue Strukturen und eine ganz besondere, kreative Dynamik entstehen knnen. Da sendet das Bundesverfassungsgericht mit seiner Bewertung der Haushaltsnotlage Berlins ein vllig falsches Signal, wenn der Hauptstadt nahe gelegt wird, zuknftig bei der Kultur noch strker zu sparen, dem fast einzigen Bereich, womit Berlin auch Geld verdienen kann. Berlin ist schon arm - wenigstens sexy sollte es bleiben.

    Und es msste sich tatschlich die grundlegende berzeugung durchsetzen, dass wir aufgrund des Wandels von einer produzierenden hin zu einer wissens- und ideenbasierten Gesellschaft ganz wesentlich der Ideen auch der kreativen Industrien bedrfen. Eine elementare Voraussetzung dessen wird jedoch leider oftmals bersehen. Damit die Kreativwirtschaft alle die ihr zugeschriebenen, fast schon heilsversprechenden Wirkungen entfalten kann, bedarf es meiner Ansicht einer Grundlage: Wir mssen uns des hohen Wertes kreativer Leistung bewusst sein. Und nicht nur das. Es muss einen gesamtgesellschaftlichen Konsens darber geben, dass kreative Leistungen, Ideen und Produkte etwas wert sind. Wir sind nur dann bereit, fr ein Konzert oder eine Ausstellung einen angemessenen Eintritt; fr eine CD, ein Buch, eine Zeitung oder den Rundfunk das angemessene Entgelt zu zahlen, wenn wir von der kreativen Leistung, die darin enthalten ist, berzeugt sind. Dabei sind das noch die einfachen, fast schon klassischen Beispiele. Nicht zwangslufig zu erkennen ist diese Leistung beispielsweise bei einigen, oftmals sehr gegenstndlichen Kunstwerken oder aber auch dem im Internet scheinbar frei verfgbaren Musikstck, das eben auch ein urheberrechtlich geschtztes, deshalb zu vergtendes, von Kreativen geschaffenes Werk darstellt.

    Damit komme ich auf eine aktuelle kultur- und medienpolitische, aber eben auch sehr grundlegende Diskussion zu sprechen. Im Hintergrund der politischen Diskussion ber die Abwgung zwischen den legitimen Interessen von Urhebern und Rechteinhabern, den Anforderungen der Wissens- und Informationsgesellschaft und den Erwartungen der Industrie im Rahmen der Novelle des Urheberrechts steht eine ganz grundlegende Frage: Was ist uns kreative Leistung wert? Diese Frage ist in dem sehr kontrovers gefhrten Streit ber Privatkopie, pauschale Vergtung oder unbekannte Nutzungsarten insgesamt von entscheidender Bedeutung. Einerseits bedarf es zuerst einmal kreativer Leistungen, die erst dann technologisch, konomisch, gesellschaftlich oder kulturell nutzbar gemacht werden knnen, sprich sich in Produkten niederschlagen. Andererseits bedarf es natrlich auch eines Marktes, der ein Bedrfnis an kreativen Ideen und Vorschlgen artikuliert. Und es bedarf kreativer und innovativer Wege, um die Verbindung zwischen beidem herzustellen. Letzten Endes profitieren aber alle Teilnehmer erheblich, wenn sie den Wert der kreativen Leistung gegenseitig anerkennen.

    Ein dafr notwendiger Grundkonsens ber den hohen Wert von Kreativitt knnte dann bei vielen, auch kultur- und medienpolitischen Entscheidungen hilfreich sein. Wenn es beispielsweise darum geht, dass ein Museum zustzlicher Mittel fr die Dachsanierung bedarf, wird die Erwgung, mglicherweise ein Bild aus dem Bestand zu verkaufen, hoffentlich kaum eine Rolle spielen. Plagen eine Stadt, wie so viele andere, finanzielle Nte, wrde man jedoch davon absehen, als erstes die Musikschule nicht mehr zu frdern. Nicht dass uns das Bewusstsein um den Wert von Kreativitt vor Torheiten schtzt, aber der gesellschaftliche Konsens darber, dass kreative Leistung die Grundlage unserer Wirtschaft ist und immaterielle und materielle Gter hervorbringt, ist notwendig. Und dann htte es vielleicht auch ein Ende damit, dass uns 15 Kilometer Autobahn mglicherweise wichtiger sind als 129 Goetheinstitute weltweit.