Monika Griefahn, Mitglied des Deutschen Bundestages a. D.

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Auf dieser Internetseite finden Sie Informationen über meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete (1998 bis Oktober 2009)

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    14.11.2008

    Rede zur Verleihung des Kulturpreises 2008 der KuPoGe


    ++ es gilt das gesprochene Wort ++

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    liebe Kulturfreunde,

    ich freue mich, heute Abend die Laudatio zur Verleihung des Kulturpreises der Kulturpolitischen Gesellschaft zu halten. Ich freue mich gerade deshalb darber, weil ich finde, dass das Festival 48 STUNDEN NEUKLLN diesen Preis pnktlich zu seinem 10. Geburtstag! - absolut verdient hat. Dieses Projekt hat beispielhaft gezeigt, wie gut anspruchsvolle Kunstproduktionen und wirksame Integrationsprojekte zusammen gehen knnen.

    Mit „Integration“ meine ich dabei nicht nur, in Deutschland lebende Menschen aus anderen Lndern in unsere Gemeinschaft einzubinden, sondern das gegenseitige Kennenlernen und das soziale Miteinander in Neuklln und darber hinaus. 48 STUNDEN NEUKLLN hat allein schon durch seine ungewhnlichen Spielorte erreicht, dass Menschen den Stadtteil gemeinsam neu entdecken. Durch Kunstaktionen an Kanlen, in Hfen, auf Dchern und Parkdecks wurde Neuklln wahrhaftig zu Freiluftgalerie und Konzertsaal.

    Sehr spannend finde ich auch das Projekt des Festivals „Sakrale - Kunst am geweihten Ort“, bei dem religise Orte in Neuklln im Vordergrund standen. Indem dort vielfltige Konzerte, Lesungen und Performances stattfanden, wurde die religise Geschichte Neukllns bis zur Gegenwart erfahrbar.

    Ich glaube, gerade die kulturelle Vielfalt in Neuklln war dabei von Anfang an der entscheidende Nhrboden, auf dem das Festival wachsen konnte und mittlerweile als anerkannte „urban art“ richtig aufgeblht ist! Denn in einer Stadt wie Berlin, die so viele Gesichter hat, ntzt uns eine „lart pour lart“ wenig. Und wenn die Medien es manchmal so darstellen, als untersttze die Bundespolitik bei der Hauptstadtkultur nur die Berliner Opern oder den preuischen Kulturbesitz, dann ist dies falsch! Mit der im Jahr 2002 von der rot-grnen Regierung initiierte „Kulturstiftung des Bundes“ frdern wir z.B. ganz verschiedene Kulturprojekte, unter anderem die mittlerweile berhmte Breitenkultur-Initiative „Jedem Kind ein Instrument“ im Ruhrgebiet.

    Eine Kultur, die allen zugnglich ist und die auch vor gesellschaftlichen Herausforderungen nicht zurckweicht Kultur nicht als Selbstzweck, sondern als innovatives Entwicklungspotential und Standortfaktor, das muss unser Ziel sein! Genau das verkrpert 48 STUNDEN NEUKLLN mit groem Erfolg.

    Zum diesjhrigen Programm fllt mir beispielsweise die Aktion „X Wege zum Glck“ als gelungenes soziokulturelles Integrationsprojekt ein, bei dem Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Nationalitt mit einbezogen wurden.

    Besonders hervorheben mchte ich auch die Aktion „Grenzgnger in Neuklln“, bei der sich Kinder und Jugendliche zu Stadtfhrern des Quartiers qualifizierten, die Besucher zu den unterschiedlichen Kunstevents begleiteten und ihnen die Kunstobjekte erklrten. Vor allem Mdchen mit trkischem und arabischem Hintergrund waren hieran beteiligt.

    Ich knnte Ihnen noch viele andere Beispiele aufzhlen, die im Rahmen des Festivals den Stadtteil belebt und inspiriert haben. Aber ich hoffe, Sie alle haben Vieles davon live erlebt und Sie lassen sich 48 STUNDEN NEUKLLN auch im nchsten Jahr nicht entgehen.

    Auch die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Kultur in Deutschland“ hat sich neben vielen anderen kulturpolitisch relevanten Themen mit der Bedeutung von Soziokultur beschftigt. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass die Anerkennung soziokultureller Projekte hierzulande insgesamt zunimmt und diese auch fr andere Kulturinstitutionen viele wichtige Anregungen geben. Das ist ein, wie ich finde, ermutigendes Ergebnis.

    Und soziokulturelle Ereignisse wie 48 STUNDEN NEUKLLN bilden einen wichtigen Teil dieser Kulturlandschaft. Sie sind vielfltig und bieten ein breites Angebot fr alle, Kultur nicht nur zu rezipieren, sondern auch selbst knstlerisch ttig zu sein. Dabei zeichnen sich solche soziokulturelle Projekte durch eine besondere Nhe zu den tatschlichen Interessen und Bedrfnissen sowohl der Brger als auch der Knstler aus. Gleichzeitig verfolgen sie keinen festgelegten kulturellen Wertekanon und sind fr verschiedene Anstze kultureller und knstlerischer Praxis offen. Sie knnen interessante Sichtweisen und Anstze unkompliziert und innovativ in neue kulturelle Angebote berfhren.

    In der Bestandsaufnahme der Enquete-Kommission ist deutlich geworden, dass sich soziokulturelle Initiativen nicht, wie oft angenommen, auf soziale Randgruppen beschrnken. Im Gegenteil sind es meistens gesellschaftlich breit akzeptierte Kultureinrichtungen, die im weitesten Sinne sozialintegrativ und interkulturell arbeiten.

    Im Hinblick auf multikulturelle Stadtteile nehmen Projekte wie 48 STUNDEN NEUKLLN eine Vorreiterrolle dabei ein, mit gezielten Angeboten auch wirklich neue kulturelle Anste zu geben. Diese Funktion wird aber nicht nur in der heterogenen Grostadt erfllt, sondern auch bei der demografischen Entwicklung im lndlichen Raum.

    Um Initiativen wie 48 STUNDEN NEUKLLN zu untersttzen, hat die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ in ihrem Abschlussbericht Handlungsempfehlungen formuliert. Diese sind an die Kommunen und Lnder als Haupttrger soziokultureller Arbeit, aber auch die Bundesregierung im Rahmen ihrer gesamtstaatlichen Verantwortung gerichtet. Zu diesen Handlungsempfehlungen gehrt auch, dass soziokulturelle Projekte als eigenstndiger Frderbereich in der Kulturpolitik anerkannt werden sollten. Darber hinaus fordert die Enquete-Kommission, dass die institutionelle Frderung der „Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren“ als Dach- und Fachverband aus Mitteln des Bundes beibehalten und der Fonds Soziokultur um 25 Prozent erhht werden soll. Dafr habe ich mich in der SPD besonders stark gemacht.

    Neben dem Bund sind bei vielen anderen Fragen aber auch die Lnder und Kommunen gefordert. Fest steht, dass eine generationenbergreifende, interkulturelle und fr alle sozialen Schichten offene Kulturarbeit ein unverzichtbarer Teil der ffentlichen Kulturfrderung in Deutschland sein muss. Angesichts der Herausforderungen, denen Initiativen wie 48 STUNDEN NEUKLLN gegenberstehen, muss sich die Politik der gesamtstaatlichen Verantwortung stellen und Soziokultur als offenes und vielfltiges Konzept der kulturellen Eigeninitiative strken. Dafr werde ich mich in meiner Funktion als kultur- und medienpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion auch in Zukunft einsetzen.

    Am Preistrger des heutigen Abend, 48 STUNDEN NEUKLLN, gefllt mir besonders seine basisdemokratische Organisation. So werden die Entscheidungen durch einen Koordinationskreis gemeinsam getroffen, der dann eine Organisatorin beauftragt, sich zum Beispiel um Sponsorengelder zu kmmern. Insbesondere den vielen ehrenamtlichen Mithelfern mchte ich danken, ohne die das Ereignis so nicht htte stattfinden knnen. Ihr brgerschaftliches Engagement ist Grundpfeiler einer solidarischen Gesellschaft und einer lebendigen Demokratie. Aus diesem Grund setze ich mich zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen der SPD-Bundestagsfraktion fr den weiteren Ausbau der Freiwilligendienste, fr Entbrokratisierung und fr die Untersttzung von ntigen Infrastrukturen der Engagementfrderung ein.

    In einem ersten Schritt haben wir bereits die steuerlichen Rahmenbedingungen fr brgerschaftliches Engagement verbessert. Bundesfinanzminister Peer Steinbrck hat sich gemeinsam mit der SPD-Bundestagsfraktion dafr eingesetzt, dass viele Menschen, die sich gemeinntzig engagieren, damit eine zustzliche Anerkennung erfahren. Neben einer strkeren finanziellen Frderung wurde nicht zuletzt auch das Gemeinntzigkeits- und Spendenrecht vereinfacht. Ohne ehrenamtliches Engagement kann die Gesellschaft nicht funktionieren. Wir mssen auch weiterhin befrdern, dass sich mehr Menschen fr Gesellschaft und Umwelt verantwortlich fhlen.

    Der Kulturpreis der Kulturpolitischen Gesellschaft ist nicht nur eine Auszeichnung, sondern auch ein Dankeschn an alle, die dazu beigetragen haben, dass 48 STUNDEN NEUKLLN stattfinden konnte und kann. Weit mehr als 1000 Knstler haben in diesem Jahr dabei mitgewirkt und es erreicht, 50.000 Menschen mit ihrem Programm zu begeistern und einzubinden und das, obwohl zeitgleich die Fuball-EM stattfand! Vielen Dank allen Mitwirkenden fr diese anhaltenden Impulse, die nicht nur die Kulturszene, sondern den ganzen Stadtteil inspiriert haben!

    Ich wnsche dem Festival 48 STUNDEN NEUKLLN fr die Zukunft weiterhin gutes Gelingen, viele kreative Ideen und alles Gute! Herzlichen Glckwunsch zum 10jhrigen Jubilum und zu der heutigen Auszeichnung!

    Vielen Dank.