Monika Griefahn, Mitglied des Deutschen Bundestages a. D.

Archiv

Auf dieser Internetseite finden Sie Informationen über meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete (1998 bis Oktober 2009)

Archives

On this website you find information about my work as member of parliament (1998 - Oct. 2009)

Curriculum Vitae english Curriculum Vitae français Curriculum Vitae spanish Curriculum Vitae russian Curriculum Vitae chinese

    19.07.2007

    Rapper haften fr ihre Texte

    Gastbeitrag fr Die Tageszeitung (TAZ)


    "Warum wollen Sie eigentlich HipHop-Musik verbieten?". Fast immer, wenn ich mit Schulklassen diskutiere, wartet diese Frage auf mich. Ich kann es den Schlerinnen und Schlern kaum verbeln: Da ich die Medien, die sich die Mhe gemacht haben, meinen tatschlichen Standpunkt abzufragen, leider an einer Hand abzhlen kann, ergreife ich gern die Chance, meine Position in Diskussionen oder Antwortmails zu erlutern. Ich erklre dann, dass ich nichts gegen HipHop-Musik habe und mir nicht in den Sinn kme diese zu verbieten. Im Gegenteil: Ich freue mich ber den Erfolg des HipHop in Deutschland und persnlich ganz besonders ber Bands wie die Fantastischen Vier, Fettes Brot oder Absolute Beginner.

    Ich habe allerdings etwas dagegen, wenn pornografische, Gewalt verherrlichende, frauenfeindliche und rassistische Texte erstens unwidersprochen hingenommen und zweitens Kindern und Jugendlichen stndig zugemutet werden. Bei letzterem erfahre ich selbst von Fans Zustimmung. "Dass es fr kleine Kinder nicht wirklich geeignet ist, die Videos und Raps im TV zu sehen bzw. zu hren verstehe ich ja! Aber die Verbote sollten sich im Rahmen halten", schreibt mir etwa ein weiblicher HipHop-Fan namens Ronja. Weiter schreibt sie, dass sie und ihre Freunde zwar mit so etwas umgehen knnten, aber sie auch glaube, dass nicht jeder diese Voraussetzungen mitbrchte.

    Wissenschaftliche Untersuchungen wie die von Olaf Kessler besttigen diese Aussage. Sie zeigen, dass Kinder und Jugendliche, die nicht in einem sicheren sozialen Umfeld und in einer intakten Familie aufwachsen, ein viel hheres Aggressionspotential haben, wenn sie 15-mal am Tag Textzeilen wie "Ich fick dich in die Urinblase" hren. Solche Inhalte gehren eindeutig nicht ins Tagesprogramm von Radio- und Fernsehsendern.

    Meine Bitte an die Landesmedienanstalten und Musiksender, ihre Sendelisten noch besser auf solche Inhalte hin zu berprfen, stie auf ein erfreulich groes Echo. MTV / VIVA kndigten beispielsweise an, ein internes "Jugendschutz-Gremium" bilden zu wollen, das die Videos bewerte. Ich habe nichts dagegen, wenn jugendgefhrdende CDs mit einer Altersfreigabe verkauft und solche Videos und Songs erst ab einer Zeit in den Medien gespielt werden, zu der sie keine Kinder und Jugendlichen mehr gefhrden knnen. Damit muss eine demokratische Gesellschaft, in der das Grundgesetz die Meinungs- und die Kunstfreiheit sichert, umgehen knnen. Doch womit eine demokratische Gesellschaft nicht umgehen kann, das sind die Ignoranz und das Wegschauen bei Sexismus, Schwulenfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit und Gewaltverherrlichung.

    So, wie ich mit meinen Kindern Medieninhalte und den Umgang damit thematisiere und problematisiere, erwarte ich das auch von der ffentlichkeit - vor allem aber von Fans, Lehrern, Eltern, Knstlern und Platten-Labels. Rechtliche Regelungen knnen vielleicht eine Richtschnur bieten fr das, was in unserer Gesellschaft nicht in die Hnde von Kindern und Jugendlichen gehrt. Aber sie ersetzen nicht die kontinuierliche Debatte darber.

    In seinem so genannten "Arschficksong" rappt Sido: "Katrin hat geschrien vor Schmerz, aber mir hat es gefallen", "ihr Arsch hat geblutet, doch ich bin gekommen". In einem BRAVO-Gesprch bekannte er, er wrde es seinem eigenen Sohn nicht erlauben, diesen Titel zu hren. Gleichzeitig bestreitet er, dass seine Texte Jugendliche in ihrer Entwicklung stren knnten. Sozialpdagogen wie Werner Meyer-Deters sehen das anders. Im Gesprch mit jugendlichen Sexualstrafttern fand er heraus, dass Elf- bis 15-Jhrigen die Unterscheidung zwischen Song und Realitt schwer falle.

    Damit mssen wir uns auseinandersetzen. Ein 13-jhriges Mdchen erzhlte mir, dass sie und ihre Freundinnen in der Schule mit Begriffen wie "Huren", "Schlampen" und "Scheinutten" angesprochen wrden und nicht wssten, was sie dagegen tun sollten, wenn dies in HipHop-Texten doch als "cool" glte. Hier beginnt der Einfluss von sexistischen und frauenfeindlichen Songs zu wirken. Er kann, wie in Hamburg, in tatschlicher Gewalt enden, wo zwei 15-Jhrige ein zwlf und ein 13 Jahre altes Mdchen vergewaltigten. Experten stellten hier ebenfalls einen Zusammenhang zwischen Gewalt verherrlichender Musik und sexueller Verrohung her.

    Wenn ein Rapper wie Bushido sogar bei Johannes B. Kerner seine fragwrdige Unterscheidung zwischen "verachtenswerten Schlampen" und "seiner eigenen Freundin" unwidersprochen vertreten darf, ist zu bezweifeln, dass seine Fans diese scheinheiligen Differenzierungen nachvollziehen knnen. Und auch wenn Fler sagt, er sei kein Nazi, so kaufen diese doch mit Begeisterung seine Alben.

    Ich wrde mir wnschen, dass sich Knstler und Labels nicht nur gegenber ihren eigenen Kindern, sondern auch gegenber ihren Fans verantwortlich fhlen. Viele verstecken sich gerne hinter der Behauptung, dass Gewalt verherrlichende, pornografische oder rechtsradikale Songtexte nur ihren Alltag spiegeln wrden. Doch, wie es ein HipHop-Fan namens David in einer E-Mail ausdrckt: "Das Ghetto ist doch nur in den Kpfen der Leute." Der Rekurs auf Verhltnisse wie in amerikanischen Grostdten dient lediglich als Rechtfertigung fr einen geborgten Ghetto-Slang. Und Begriffe wie "primitive Neger", "schwule Zigeuner", "geldgeile Schlampen" oder "Ostnigger" sind schlicht menschenverachtend, frauenfeindlich und rechtsradikal - egal, wer sie uert und aus welchem Stadtteil er stammt.

    Die Schutzbehauptungen der Knstler werden ohnehin in dem Moment zweifelhaft, in dem die Provokation nur noch der besseren Vermarktung der Alben dient. An dieser Stelle mssen noch mehr Menschen aufstehen und "Nein" sagen.

    Seit ich das getan habe, muss ich damit leben, dass mich manche HipHopper in ihren Kanon von Feindbildern integriert haben. Beruhigend daran ist wohl nur, dass wir in einem Land zu leben scheinen, in dem das Zusammenleben so verhltnismig sicher und harmonisch abluft, dass Politikerinnen, die nur ihre Meinung uern, aus Not an realen Feinden zu solchen stilisiert werden.

    Die Debatte ber Sexismus und Rassismus in der Rap-Kultur, die nun endlich in Gang gekommen ist, finde ich erfreulich - ebenso wie die zunehmende Sensibilitt, nicht zuletzt in der Szene selbst. So haben sich nicht nur vereinzelte Rapperinnen bereits gegen die Frauenfeindlichkeit im HipHop gewandt. Auch die Initiative "Brothers Keepers", mit der unter anderem Knstler wie Smudo, Xavier Naidoo oder Afrob ein Zeichen gegen Rassismus im HipHop gesetzt haben, meldete sich erst krzlich in dieser Hinsicht zu Wort. Wichtiger als gesetzliche Verbote ist in einer Demokratie die gesellschaftliche Diskussion ber Werte und Normen. Und die liegt auch im Interesse der HipHop-Szene, die nicht wegen der Eskapaden einiger Publizittsbesessener in eine Schublade gesteckt werden will.

    Monika Griefahn