Monika Griefahn, Mitglied des Deutschen Bundestages a. D.

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Auf dieser Internetseite finden Sie Informationen über meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete (1998 bis Oktober 2009)

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    01.09.2008

    Jazz raus aus dem Elfenbeinturm

    Interview mit Monika Griefahn in der Jazzzeitung


    Jazz spielt auf bundespolitischer Ebene kaum eine Rolle. Dagegen will Monika Griefahn, Sprecherin der SPD-Fraktion fr Kultur und Medien im Deutschen Bundestag etwas tun. 1990 holte Ministerprsident Gerhard Schrder die bekannte Greenpeace-Aktivistin als Umweltministerin in sein niederschsisches Kabinett. Acht Jahre spter zog die Frau mit der charakteristisch roten Mhne als Abgeordnete in den Bundestag ein und ist dort seitdem fr Kultur und Medien zustndig.

    Jazzzeitung: Im letzten Jahr hat der Bundestag in einem Antrag zur populren Musik prominent auch den Jazz thematisiert. Auf solch ein politisches Zeichen haben Aktive und Fans lange gewartet. Wie kam es dazu?
    Monika Griefahn: Es gibt in Deutschland verschiedene ffentliche Frderprogramme im Bereich der Musik. Allerdings ist in den letzten Jahren immer wieder klar geworden, dass diese in erster Linie fr klassische Musik und in Teilen auch fr Rock und Pop greifen. Jazz aber fllt aufgrund seiner spezifischen Natur oft in eine Lcke zwischen so genannter U- und E-Musik und droht, bei der Frderung vergessen zu werden. Mir war wichtig, dass sich daran etwas ndert.

    Jazzzeitung: Die Bayreuther Festspiele werden bereits Jahrzehnte gefrdert und auch die Bundeskulturstiftung, die unter anderem fr alle Musiksparten zustndig ist, gibt es bereits seit 2002. Warum kommt Jazz erst jetzt im Bundestag an?
    Griefahn: Improvisierte Musik wurde natrlich schon immer als Bestandteil der Musikkultur begriffen. Aber um dem Jazz gerecht zu werden, braucht es eben spezifische berlegungen. Ich bin froh, dass wir im Bundestag nun auf diesen Diskussionsstand kommen, denn bei einem solchen Thema hngt auch immer viel davon ab, dass sich gengend Frsprecher finden. Derzeit habe ich nicht nur in der SPD und insbesondere in meinem Kollegen Siegmund Ehrmann, in dessen Heimat das Moers-Festival liegt, Mitstreiter gefunden, sondern eben auch beim Koalitionspartner, bei dem es momentan gengend Interessierte und Jazzliebhaber gibt, um so etwas auf den Weg zu bringen.

    Jazzzeitung: Was wollen Sie konkret mit dem Antrag erreichen?
    Griefahn: Erstens wollen wir, dass der Jazz bei der Frderung durch ffentliche Programme gleichberechtigt wahrgenommen wird. Jazz ist genauso wertvoll fr unsere Kulturlandschaft wie Klassik, Neue Musik, Pop oder Rock. Das muss auch politisch klar werden. Zweitens wollen wir ganz konkret Spielsttten mit einem Preis frdern. Und drittens liegt uns der Export am Herzen, insbesondere das German Jazzmeeting auf der Jazzahead! in Bremen, das bereits in diesem Jahr vom Bund gefrdert wurde.

    Jazzzeitung: Warum wollen sie etwas fr Spielsttten tun und nicht beispielsweise fr eine bessere Ausbildung?
    Griefahn: Die Ausbildungssituation fr Musikerinnen und Musiker ist bei uns sehr gut. Wir haben ein sehr hohes Niveau und brauchen den Vergleich mit anderen Lndern berhaupt nicht zu scheuen. Aber es ist doch so: Wer in Deutschland von Jazz leben will, muss in der Regel einen gut verdienenden Partner oder ein Erbe haben. Wer beides nicht hat, der verdient seinen Lebensunterhalt meistens mit Unterricht. Wenn allerdings jemand eigentlich viel lieber auf der Bhne steht als in einer Musikschule, dann tut das weder den Schlern noch den Lehrern gut. Deswegen wollen wir helfen, die vorhandene hohe musikalische Qualitt in Deutschland noch strker auf die Bhne zu bringen. Damit verbessern wir auch die finanzielle Situation der Knstlerinnen und Knstler. Im Rock und Pop kann man fehlende Konzerteinnahmen viel einfacher durch den CD-Verkauf oder Tantiemen aus Rundfunkprsenz ausgleichen. Jazz aber findet im Rundfunk leider nur am Rande statt und sein Anteil am Tontrgermarkt betrgt nur wenige Prozent. Deswegen mssen wir den Live-Sektor strken, denn Spielsttten sind die Orte, an denen improvisierte Musik lebt und entsteht.

    Jazzzeitung: Diese Situation sprche eher fr die Grndung neuer Spielsttten als fr einen Preis.
    Griefahn: Natrlich kann ein Spielstttenpreis nur Teil des Engagements sein. Direkte Kulturfrderung ist allerdings originre Aufgabe von Lndern und Kommunen. Nur nehmen noch viel zu wenige diese Verantwortung fr Clubs und Live-Orte fr improvisierte Musik wahr. Von Bundesseite knnen wir mit einem Preis deutlich machen, welche Spielsttten ein wirklich ausgezeichnetes Programm haben und zu den besten in Deutschland gehren. Damit wollen wir auch Lndern und Kommunen einen Anreiz geben, sich strker fr ihre Spielstttenkultur vor Ort zu engagieren, denn erst dann kommen wir einen groen Schritt voran.

    Jazzzeitung: Werden mit so einem Preis nicht nur ohnehin schon erfolgreiche Spielsttten untersttzt?
    Griefahn: Wenn Sie knstlerisch erfolgreiche meinen, dann ja. Und wenn ich sehe, wie schwer es fr Jazz-Veranstalter ist, mit einem anspruchsvollen und innovativen Programm Geld zu verdienen, dann sind die Preisgelder in jedem Fall gut angelegt. Preise sollen brigens nicht nur an renommierte Clubs gehen. Stattdessen sollen beispielsweise auch ehrenamtliche Vereine, die vielleicht nur jeden Monat eine Veranstaltung durchfhren knnen, beachtet werden.

    Jazzzeitung: Wann wird es die erste Preisverleihung geben?
    Griefahn: Soweit sind wir leider noch nicht. Der Deutsche Bundestag hat die Bundesregierung beauftragt, einen solchen Preis umzusetzen. Unter anderem haben wir dafr Mittel im Rahmen der Initiative Musik zur Verfgung gestellt. Der Aufsichtsrat der Initiative muss nun einen Vorschlag fr einen solchen Preis machen. Leider steht das noch aus. Bei einem Gesprch mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Gorny und der Geschftsfhrerin Ina Keler im Ausschuss fr Kultur und Medien Ende Juni haben die Abgeordneten jedoch erneut auf einen Spielstttenpreis gedrungen, worauf uns Ergebnisse zugesagt wurden.

    Jazzzeitung: Unter anderem der Jazzbeirat des Deutschen Musikrates und der Verband Jazz&WorldPartners halten die Frderhrden bei der Initiative Musik fr zu hoch. Teilen Sie diese Kritik?
    Griefahn: Da bin ich tatschlich skeptisch, ob 25.000 Euro Gesamtprojektsumme und 60 Prozent Eigenbeteiligung nicht Nachwuchsprojekte gerade im Jazzbereich von vornherein ausschlieen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass besonders viele Bands die 15.000 Euro Eigenanteil selbst aufbringen knnen und auch nicht, dass beispielsweise ein Jazzlabel in der Lage ist, den Verkauf so vieler CDs zu garantieren, dass es dieses Risiko eingeht. Aber laut Initiative Musik sind innerhalb von drei Wochen bereits ber 270 Projektantrge eingegangen, so dass zu hoffen ist, dass es auch aus dem Jazzbereich zahlreiche Bewerber gibt. Sollten Knstlerinnen und Knstler aus diesem Bereich aber aufgrund der Frderkriterien zu geringe Chancen haben, so werden wir darauf drngen, dass die Richtlinien auch fr den Jazz angepasst werden.

    Jazzzeitung: Die Verleihung des Preises ist noch unkonkret, es ist nicht klar, wie gut die Initiative fr den Jazz-Bereich greift so richtig angekommen scheint die Botschaft des Bundestages noch nicht zu sein.
    Griefahn: Natrlich ist es nicht einfach, mit einem Thema durchzudringen, das im politischen Betrieb alles andere als ein Schwergewicht ist. Angesichts dessen war die prominente Verankerung von Jazz in einem Antrag des Deutschen Bundestages bereits ein groer Erfolg. Jetzt kommt es auf den langen Atem an, die Thematik immer weiter in der Diskussion zu halten und auf der Umsetzung unserer Forderungen zu bestehen. Ich persnlich habe diesen langen Atem. Aber allein schaffe ich das nicht. Ich habe das Gefhl, in der Jazzszene wird oft erwartet, dass die Politik kommt und Angebote macht. „Raus aus dem Elfenbeinturm“, kann ich da nur sagen. Wer etwas will, muss auf Politik zugehen, seine Situation vermitteln und Forderungen stellen, sonst bleiben seine Anliegen ungehrt oder unverstanden.

    Jazzzeitung: Noch ein anderes Thema, das Spielsttten wie Musiker gleichermaen interessiert. Die GEMA, ihre komplizierten Tarife, brokratischen Abrechnungssysteme und undurchsichtigen Auszahlungsmodalitten stehen seit Jahren in der Kritik. Welche Mglichkeiten hat der Deutsche Bundestag hier die Situation zu verbessern?
    Griefahn: Prinzipiell steht die groe Bedeutung von Verwertungsgesellschaften auer Frage. Aber in dem Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ haben wir zahlreiche Probleme benannt. Wir sehen Verbesserungsbedarf bei der Transparenz, bei zu hohen Verwaltungskosten, bei der Einbindung unterschiedlicher Mitgliedergruppen oder bei Tarifen fr gemeinntzige Strukturen. Die Enquete-Kommission hat ganz klar empfohlen, die staatliche Aufsicht ber die GEMA zu verstrken und in Zukunft genauer hinzusehen, was im Einzelnen geschieht. Wir befassen uns bereits mit der Umsetzung dieser einzelnen Vorschlge. Hier muss etwas geschehen, denn gerade auch im Jazzbereich wird manchmal deutlich, dass die GEMA weder Veranstaltern noch Musikern gerecht wird.

    Das Gesprch fhrte Dominik Reif