Hört auf zu jammern, lasst uns die Welt verändern!

Monika Griefahn / Pressemitteilung / Foto Max Arens

Am Wochenende ist unser vierter Cradle to Cradle Congress über die Bühne gegangen – dieses Mal das erste Mal zweisprachig. Unsere nachfolgende Pressemitteilung gibt einen guten Überblick über die Diskussionen und Foren. Wir werden für diesen Blog bis Jahresende immer wieder Themen davon aufgreifen und hier veröffentlichen.

Cradle to Cradle Congress fordert eine Welt ohne Müll

An negative Nachrichten erinnern wir uns häufig besser als an positive, stellte Dr. Michael Schmidt-Salomon (Philosoph und Schriftsteller) auf dem 4. Cradle to Cradle (C2C) Congress am 20. & 21. Oktober 2017 an der Leuphana Universität in Lüneburg heraus. 800 Congress-Teilnehmende zeigen jedoch, dass die positive Nachricht des C2C Designkonzepts großen Zuspruch findet: Wir können mit einem positiven Fußabdruck die Welt verändern und die Ketten klassisch nachhaltiger Denkmuster sprengen. „Die Menschen in 100 Jahren werden klüger sein. Sie werden gar nicht begreifen, dass wir jemals ohne C2C produziert haben“, so Schmidt-Salomon. Dass Umweltschutz und Wirtschaft durch eine echte Kreislaufwirtschaft nach C2C vereint werden können, zeigte der internationale C2C Congress, organisiert vom Cradle to Cradle e.V., an vielen Beispielen aus der Praxis.

In einer Zeit, in der Ressourcen immer knapper werden, bietet C2C einen innovationsorientierten Lösungsansatz: Produkte werden neu entwickelt und von Anfang an so designt, dass Materialien problemlos in Kreisläufe zurückgeführt werden können. Namenhafte Akteur*innen unter anderem aus den Bereichen FashionKunststoffe, ökologische LandwirtschaftDrucken sowie aus dem diesjährigen Vertiefungsthema Bau und Architektur diskutierten in unterschiedlichen Formaten über C2C als Innovationsmotor. Deutlich wurde, dass es Visionär*innen und C2C-Enthusiast*innen braucht, die einen Gegenentwurf zu bestehenden Produkten, Herstellungsverfahren und Wirtschaftsweisen entwickeln. So betonte Erwin Thoma (CEO Thoma Holz), wir müssten aus einem Haus wieder ein Haus machen, um genügend Holz zu haben. Wenn wir aus einem Haus Sondermüll machten, verlören wir wichtige Rohstoffe. Auch wurden auf dem Congress konkrete Forderungen an die Politik gestellt: So müssten sich im Bausektor die Ausschreibungen ändern, sodass nicht das günstigste Angebot den Zuschlag erhält.

Beispiele wie das Unternehmen Dopper zeigen, dass auch im Bereich Kunststoffe C2C Innovationen erfolgreich sind und wir ganzheitliche Lösungen brauchen. Um eine flächendenkenden Wandel zu erreichen müssen jedoch Politik, Wirtschaft und Konsument*innen an einem Strang ziehen.

Das Fazit von Tim Janßen, Geschäftsführer des C2C e.V, ist sehr positiv: „Der Congress war ein voller Erfolg, Die vielen Teilnehmenden und internationalen Akteur*innen wie Dr. Leyla Acaroglu, Lewis Perkins und Ken Webster zeigen, dass der C2C Congress auf reges Interesse stößt und die weltweit größte C2C Plattform ist.“

Nora Sophie Griefahn, Geschäftsführerin des C2C e.V., schaut positiv auf das Event zurück und freut sich auf das nächste Jahr: „Durch die 800 Teilnehmenden und Akteur*innen wie Prinz Carlos de Bourbon de Parme, Andreas Engelhardt und Dr. Michael Schmidt-Salomon wurde der Congress mit Leben gefüllt und hat gezeigt, wie C2C die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft betrifft.“

Kreislaufwirtschaft – gelingt der EU der große Wurf?

Von Monika Griefahn / Fotos: Land Oberösterreich

Aus Abfall wird Nährstoff: Das EU-Kreislaufwirtschaftspaket könnte ein großer Wurf werden – zumindest der größte, den wir in der Frage „Was machen wir mit unserem Müll?“ jemals hatten.

Denn im Zusammenhang mit diesem Paket, das derzeit in den europäischen Institutionen verhandelt wird, taucht auf, dass ein von Vornherein gut durchdachtes Design eines Produkts das Recycling beflügeln kann. Es taucht auch der Punkt auf, dass Hersteller mehr Verantwortung für ihre Produkte übernehmen sollen – zum Beispiel, indem sie an den Entsorgungskosten beteiligt werden sollen. Und die Abfallhierarchie „Vermeidung vor Wiederverwendung vor Recycling vor energetischer Verwertung vor Entsorgung“ stellt das Paket nicht infrage. Das ist, sollte das umgesetzt werden, fast historisch. Denn dann werden wichtige Aspekte des Cradle to Cradle Konzeptes endlich in geltendes Recht umgesetzt.

Allein, die europäischen Länder sind in Sachen Abfallmanagement noch sehr weit voneinander entfernt. Das wurde deutlich beim Oberösterreichischen Umweltkongress in Linz, bei dem ich als Referentin eingeladen war. Nehmen wir das Beispiel Deponierung von Siedlungsabfällen, für das ein Reduktionsziel auf zehn Prozent angestrebt wird. 2011 hatten nur sechs EU-Mitgliedstaaten weniger als 3 Prozent deponiert, 18 mehr als 50 Prozent und einige davon sogar mehr als 90 Prozent. Oberösterreich, berichtete Landrat Rudi Anschober bei der Veranstaltung, sei bei einem Prozent. So wird das Paket sicher ein Kompromiss werden, bei dem einige Länder die Bestimmungen schon längst übererfüllen. Schlimm ist das nicht, denn es bedeutet, dass in diesen Ländern die Strukturen dafür schon vorhanden sind – dann werden sie auch genutzt. Für die anderen Länder ist es ein Ziel, das es zu verwirklichen gilt.

Ich war bei meiner Teilnahme am Umweltkongress in Linz erfreut über die vielen neuen Ideen und Strukturen, die ausprobiert werden, um Abfall zu vermeiden und Rohstoffe zu schonen: Repair-Cafés, Nähwerkstätten, Second-Hand-Verkäufe, Recycling von Baumasse. Aber noch mehr sollten die Gedanken dahin gehen, wie man die Rohstoffe hochwertig in Kreisläufen halten kann. Wir müssen idealerweise dahin kommen, dass ein Material über lange Zeit in gleicher Qualität eingesetzt werden kann, auch nach dem x-ten Recycling. Da bietet das Cradle to Cradle Konzept mit der strikten Trennung eines technischen und eines biologischen Kreislaufs immer noch den besten Ansatz – den, bei der Produktentwicklung, beim Design.

Auch nimmt das Service-Konzept nach Cradle to Cradle die Hersteller konsequenter in die Pflicht: Es werden keine Waschmaschinen mehr verkauft, sondern Waschladungen. Keine Fernsehgeräte, sondern Sehstunden. Nur dann, wenn der Hersteller Besitzer des Gerätes bleibt, macht er sich wirklich Gedanken darum, was er nach der Nutzung damit anstellen kann.

Tolle praktische Beispiele lieferte auch Reinhard Backhausen (der ja schon mit seinen Interior-Stoffen das C2C Prinzip umgesetzt hatte und heute viele Firmen berät, wie man eine Umstellung angeht). Ebenso beeindruckend war die Gründerin von „Göttin des Glückes“, Lisa Muhr, die sowohl die sozialen wie auch die ökologischen Themen in ihrem Modeunternehmen behandelt. Insgesamt war erfreulich, dass sich 260 Menschen für den Kongress interessierten und dabei auch zwei Schulklassen teilnahmen. Oberösterreich ist also schon weiter als andere.

Was ist das EU-Kreislaufwirtschaftspaket?

  • Soll bestehende EU-Richtlinien zusammenfassen: (EU-Abfallrahmenrichtlinie, EU-Richtlinie über Abfalldeponien, EU-Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle, EU-Richtlinien über Altfahrzeuge, Altbatterien und Elektroaltgeräte)
  • Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft listet weitere Maßnahmen auf, die die EU auf den Pfad einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft bringen soll
  • Abfall-Hierarche: Vermeidung vor Wiederverwendung vor Recycling vor energetischer Verwertung vor Entsorgung
  • Ziel sind höhere Recyclingquoten, strenge Quoten für unbehandelte Abfälle (kein komplettes Deponieverbot angestrebt), strikte Vorgaben für das Getrenntsammeln von Abfällen genauso wie besseres Ökodesign von Produkten, Anreize für Hersteller, mehr Sekundärrohstoffe in ihren Produkten zu benutzen (also recycelte Materialien)
  • Angestrebt ist ein Verhandlungsabschluss bis Ende 2017.

Weitere Informationen zum Beispiel unter euwid-recycling.de

 

„Alternativer Nobelpreis“ für Vorkämpfer für Gerechtigkeit und sozialen Wandel

Pressemitteilung / Monika Griefahn (RLA-Vorsitzende)

Vor kurzem haben wir die Preisträger des diesjährigen Right Livelihood Awards („Alternativer Nobelpreis“) in Stockholm bekannt gegeben.

Den nicht dotierten Ehrenpreis erhält Robert Bilott (USA, Foto: Taft-Stettinius-Hollister) „für die Aufdeckung einer über Jahrzehnte andauernden chemischen Umweltverschmutzung, das Erreichen von Entschädigung für deren Opfer und seinen Einsatz für eine effektivere Regulierung gefährlicher Chemikalien“. Bilott kommentierte: „Ich hoffe, dass diese Auszeichnung dazu beiträgt, ein stärkeres Bewusstsein für den Schutz unseres Trinkwassers und die Stärkung der Rechte von betroffenen Anwohnern und Gemeinden zu schaffen.“

Das Preisgeld von 3 Millionen schwedischen Kronen (knapp 315.000 Euro) teilen sich drei Preisträgerinnen und Preisträger: Colin Gonsalves (Indien) wird von der Jury geehrt „für seinen unermüdlichen und innovativen Einsatz vor Gericht, um die grundlegenden Menschenrechte von Indiens marginalisiertesten Bürgern zu schützen“.

Gonsalves kommentierte: „Ich nehme dieses Privileg mit Demut entgegen. Die Auszeichnung kommt zu einer Zeit, in der Indien durch eine dunkle Zeit geht und Menschenrechtsaktivisten unter Druck gesetzt werden. Die Plattform, welche die Stiftung bietet, wird uns dabei helfen, den demokratischen Widerstand in dieser kritischen Situation zu stärken.“

Khadija Ismayilova (Aserbaidschan) erhält die Auszeichnung „für ihren Mut und ihre Hartnäckigkeit, Korruption auf höchster Regierungsebene durch herausragenden investigativen Journalismus aufzudecken“. Es ist das erste Mal, dass ein Right Livelihood Award an eine Preisträgerin aus Aserbaidschan geht.

Ismayilova kommentierte: „Es ist eine Ehre für mich, einen so prestigeträchtigen Preis zu erhalten. Ich nehme die Auszeichnung im Namen aller Journalisten und Verteidiger der Menschenrechte in meinem Land an, die trotz schwierigster Bedingungen unermüdlich weiterarbeiten.“

Yetnebersh Nigussie (Äthiopien, Foto: Light for the World) wird von der Jury ausgezeichnet „für ihre inspirierende Arbeit, die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu stärken und sich für deren Inklusion stark zu machen. Sie ermöglicht es Menschen, ihr Potenzial voll auszuschöpfen und verändert dabei die Denkweise in unserer Gesellschaft.“

Nigussie kommentierte: „Es ist eine große Ehre, den Right Livelihood Award zu erhalten. Die Anerkennung ist ein willkommener Schub für die andauernde Forderung nach wirklicher Inklusion und voller Beteiligung von Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen.“

Ole von Uexkull, Direktor der Right Livelihood Award Stiftung: „Die diesjährigen Preisträger schützen die Rechte und das Leben der Bürger auf drei Kontinenten. Mit ihrer mutigen Arbeit für Menschenrechte, öffentliche Gesundheit und verantwortungsvolle Regierungsführung begegnen sie einigen der weltweit drängendsten Herausforderungen. In einer Zeit der alarmierenden Rückschläge für die Demokratie zeigen uns ihre Erfolge den Weg zu einer gerechten, friedlichen und nachhaltigen Welt für alle.“

Ich freue mich als Vorsitzende des „Alternativen Nobelpreises“, dass wir mit den diesjährigen Preisträgern bereits 170 Auszeichnungen seit Bestehen der Stiftung vergeben könnten. Die Preisträger kommen aus 69 verschiedenen Ländern.

Neuer Konsens nach langer Debatte: „Computerspiele sind Kulturgut“

Von Monika Griefahn

Monika Griefahn 2015 bei der Verleihung des Deutschen Computerspielpreises. Foto (Archiv): Franziska Krug/Getty Images for Quinke Networks)

Das war eine wirklich erfreuliche Pressemitteilung, die der Deutsche Kulturrat noch vor der Bundestagswahl herausgegeben hat: „Die Bundeskanzlerin und die Generalsekretäre von CDU, SPD, Grüne, Linke und FDP sehen Computerspiele als Kulturgut“, hieß es da. Diese Nachricht ist insofern eine Meldung wert, als es lange nicht selbstverständlich war. Gegen das Bestreben, den Kulturbegriff auf Computerspiele auszuweiten, gab es vor zehn bis 15 Jahren deutliche Widerstände.

Im Bundestag habe ich mich gemeinsam mit anderen Abgeordneten dafür eingesetzt, die Augen dafür zu öffnen, dass es jenseits der sogenannten „Ballerspiele“ jede Menge anderer, wertvoller Games gibt. Das fand seinerzeit lange nicht so einhellig Zustimmung. Dabei ist der Markt mit Lernspielen, mit Strategie- und Geschicklichkeitsspielen riesig. Im Prinzip ist jeder Zeitvertreib auf dem Handy ein kleines Computerspiel – und da käme wohl niemand darauf, dass das schädlich sein könnte. Nun hat auch die Bundeskanzlerin auf der Gamescom gesagt, was viele von uns schon vor zehn Jahren erkannt haben: Die Spiele fördern Fähigkeiten wie Schnelligkeit und logisches Denken. Mehr noch: Sie sagte Computerspiele „sind Kulturgut“ und „als Innovationsmotor und Wirtschaftsfaktor von allergrößter Bedeutung.“ In Deutschland gebe es 500 Unternehmen in der Gamesbranche mit rund 29.000 Beschäftigten, und sie hätten im ersten Halbjahr 2017 mehr als eine Milliarde Umsatz erzielt.

Vor zehn Jahren haben wir noch Kämpfe ausgestanden, um eine solche Sichtweise zu etablieren. In der Gesellschaft wurde fast ausschließlich der Einfluss von Gewaltspielen auf reale Gewalttaten diskutiert, die positiven Seiten der Branche fanden nicht statt. Olaf Zimmermann als Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates zog damals die öffentliche Empörung auf sich, als er schrieb: „Bei der Debatte um Gewalt in Computerspielen darf aber nicht über das Ziel hinausgeschossen werden. Erwachsene müssen das Recht haben, sich im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen auch Geschmacklosigkeiten und Schund anzusehen, beziehungsweise entsprechende Spiele zu spielen. Die Meinungsfreiheit und die Kunstfreiheit gehören zu den im Grundgesetz verankerten Grundrechten. Die Kunstfreiheit ist nicht an die Qualität des Werkes gebunden. Kunstfreiheit gilt auch für Computerspiele.“ Damit nahm er die Entwickler nicht nur in Schutz, er stellte sie auch auf eine Ebene mit Künstlern. Wer virtuelle Welten erschaffen kann, wer eine solche Fantasie hat und diese umsetzt in ein funktionierendes Spiel, was ist er anderes als ein Künstler?

Wir Abgeordnete haben versucht, die Debatte um die Spiele zu verändern – den Blick zu öffnen für all die guten Seiten der Gamesbranche. Ein wichtiger Schritt war dabei die Schaffung des Deutschen Computerspielpreises, den wir gemeinsam mit der Wirtschaft ins Leben gerufen haben. Bis heute findet der Bund der Steuerzahler, dass das, was der Bund an Fördermitteln dazu gibt, rausgeschmissenes Geld ist. Er sollte sich fragen, wo die Branche in Deutschland mit ihrem Milliardenumsatz heute wäre, würden wir immer noch die Debatte von vor zehn Jahren führen. Daneben hat der Preis geholfen, die Stiftung Digitale Spielekultur zu etablieren, die ich mit aufgebaut und dessen Beirat ich mehrere Jahre geleitet habe.

So bin ich also froh, dass die Aussage, Computerspiele seien Kulturgut, heute quer durch die Fraktionen Bestätigung erfährt. Es zeigt sich einmal mehr, dass sich beharrliches Engagement lohnt und Veränderungen einen langen Atem brauchen.

Grüne Zukunft für Kasachstan?

Von Monika Griefahn

Kasachstan steht in europäischen Augen nicht immer gerade im Mittepunkt. Kann die derzeit in Astana laufende EXPO das ändern?

Ja, man hat vielleicht in Europa schon einmal etwas von dem Langzeitherrscher Nursultan Nasarbajew gehört, vom politischen Zentralismus in Kasachstan. Aber haben sich Europäer bislang für die EXPO 2017 interessiert – in der neu erbauten Hauptstadt Astana „in the middle of nowhere“? (Eine Stadt, die nicht sehr ökologisch erscheint mit ihren Riesenautobahnen und Betonhochhäusern, die mit Klimaanlagen statt Fenstern ausgerüstet sind).

Und überhaupt: Was wissen wir über die Kasachen, außer, dass es eine Menge Rohstoffe hat, die die Welt interessieren? Dabei gibt es eine Menge Interessantes: zum Beispiel, dass der Präsident versucht, sich quasi „neutral“ zwischen Russland und den anderen asiatischen Mächten auszutarieren. Dass die jungen Leute von Anfang an drei Sprachen lernen, kasachisch, russisch und englisch. Dass der Präsident viel Wert auf eine gute Bildung seiner Landeskinder legt und die Kooperation mit dem europäischen Erasmus-Programm sehr unterstützt. Das Programm gibt jungen Kasachen die Möglichkeit, ein Semester in einer europäischen Universität zu studieren. Und dass viele, auch junge Kasachen ein wenig Angst davor haben, was nach Nasarbajew kommt – immerhin ist er schon seit 26 Jahren im Amt und bereits weit über 70.

Und nun schlägt das Land mit der EXPO 2017 Future Energy Forum einen weiteren Pflock ein. Es geht um „grüne“ Themen: Der kasachische Pavillon präsentiert eine Leistungsschau aller erneuerbaren Energien von Wind über Wasser und Solar bis hin zu Geothermie und Biomasse (interessanterweise ohne Atomenergie, obwohl die in Kasachstan auch zu den Erneuerbaren zählt). Ferner gibt es einen Pavillon mit „best practices worldwide“ und neben vielen anderen auch einen sehr gut besuchten und interaktiven deutschen Pavillon. Abgerundet wird die Weltschau durch ein munteres Kulturprogramm, das die Leute auf den EXPO-Campus treibt, zum Beispiel zum dem Jugendschwarm DJ David Guetta. Als der seine Elektropopplatten auflegte, strömten Familien mit Kinderwagen und Kegel in den lauen Sommerabend.

Daneben organisierte die EXPO-Leitung eine Serie von zwölf Konferenzen mit Experten aus aller Welt zu Themen wie „Energie für alle“, „Erneuerbare Energien und Lebensqualität“, „Dekarbonisierungstechnologien“ oder auch „Internationale Wirtschafts- und Umweltschutzpolitk“.

Das kommt nicht von ungefähr, denn Kasachstan hat sich zum Ziel gesetzt, im Jahre 2050 seinen eigenen Energiebedarf zu 50 Prozent aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Dabei stoßt das Land auf besondere Herausforderungen. Ich kann mir zum Beispiel schwer vorstellen, dass es eine große Zahl von Elektroautos geben wird bei Klimabedingungen von 40 Grad minus im Winter und 40 Grad plus im Sommer. Man denke nur daran, wie schnell sich Batterien bei extremen Temperaturen entladen.

Ich war eingeladen, auf einer der Konferenzen zu sprechen. Die Idee, die am besten ankam und sogar von dem größten Bauunternehmen aus Kasachstan zur Prüfung mitgenommen wurde, war, Solaranlagen zu vermieten, statt sie kaufen zu müssen. Bislang nämlich scheint die Solarwende zu stocken, da die Anlagen für die meisten Bauherren zu teuer sind. Bei Durchschnittgehältern der Mittelklasse – Lehrer, Ärzte, Ingenieure – von rund 500 US-Dollar fehlt das Geld für die Anfangsinvestition zumeist. Die Anlagen von Investoren bauen zu lassen und sie dann zu mieten, ist ein Vorschlag, der natürlich aus der Ideenwelt von Cradle to Cradle stammt und dazu dienen soll, dass
•    a. die besten Materialien genutzt werden,
•    b. die Anlagen auch wirklich so lange halten, wie die Hersteller versprechen und
•    c. dann tatsächlich die Rohstoffe zurückgewonnen werden können.

Denn wenn Hersteller die Anlage nach der Mietzeit zurückbekommen, haben sie selbst ein Interesse daran, nur gute Materialien verbaut zu haben.

Ansonsten ging es in einer weiteren Diskussionsrunde auch um die Rolle von NGOs beim Versuch, Politik und Gesellschaft zu verändern. Es gibt einige Nichtregierungsorganisationen in Kasachstan, die auch sehr erfolgreich waren. Eine der bekanntesten dürfte die Antiatomwaffenbewegung Nevada-Semipalatinsk sein, die in Semipalatinsk einen Stopp von Atomwaffentests durchsetzen konnte. Allerdings waren NGOs nicht auf der Konferenz, was die Diskussion ein wenig theoretisch machte.

Mitgenommen habe ich selbst von meiner Reise, dass die Kasachen und insbesondere die Frauen sehr interessiert, aufgeschlossen, gut ausgebildet und freundlich sind und wirklich ein Interesse haben, Zukunft zu gestalten. Ich bin gespannt, wie die politische Entwicklung weitergeht. Immerhin hat die Tochter des Präsidenten schon einmal darauf gedrungen, die präsidentielle Demokratie in eine parlamentarische zu transformieren.

Privat oder Staat – so kann Entwicklungshilfe aussehen

Von Monika Griefahn / Foto: Mercy Ships

The Africa Mercy as the sun sets over the port of Cotonou, Benin 2017.

Im Gedächtnis geblieben ist der G20-Gipfel im Juli in Hamburg maßgeblich durch heftige, zerstörerische Ausschreitungen von G20-Gegnern. Dass abgeschirmt von der Gewalt die zusammengekommenen Politiker aber tatsächlich Vereinbarungen getroffen haben, ist weitgehend untergegangen. Grund genug, das Augenmerk gerade darauf zu legen.

Nehmen wir Afrika: Um Ungleichheiten von Gesellschaften und Lebensstandards auf der Welt zu verringern, haben die G20-Staaten eine Afrika-Partnerschaft gegründet. Es soll „nachhaltiges, inklusives Wirtschaftswachstum“ auf dem Kontinent ermöglichen. Vor allem für Frauen und Jugendliche sollen menschenwürdige Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden. Armut und Ungleichheiten als Ursache von Migration will die Gruppe bekämpfen. Im Abschlusskommuniqué ist von einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“ die Rede, vom privatwirtschaftlichen Sektor, von verbesserten Rahmenbedingungen für Investitionen, von nachhaltiger Infrastruktur, sogar von Unterstützung im Bildungsbereich.

Es ist also mehr oder weniger von Wirtschaftsthemen die Rede – und geht man davon aus, dass Investitionen und die Förderung von Unternehmen tatsächlich zum Wohlstand beitragen, mag das nachvollziehbar sein. Allein, die Erfahrung zeigt, wie oft nur einige wenige profitieren. Bleibt zu hoffen, dass „nachhaltiges Wirtschaftswachstum“ im Abschlusskommuniqué auch wirklich ein Wachstum meint, das ökologisch vertretbar ist und soziale Belange – gerechte Löhne, Mitbestimmung, humane Arbeitszeiten – berücksichtigt.

Was gar nicht in dem Abschlussdokument vorkommt, ist die Frage der Gesundheitsversorgung. Sie, die in den afrikanischen Ländern generell auf vergleichsweise niedrigem Niveau ist, ist offenbar den gemeinnützigen Organisationen und dem Ehrenamt überlassen. Wir können das bedauern, oder wir können uns engagieren.

Ein Projekt, das ich in dieser Hinsicht lobenswert finde, ich Mercy Ships. Diese Nichtregierungsorganisation (NGO) will den Zugang zur medizinischen Grundversorgung in Entwicklungsländern verbessern. Die Africa Mercy ist ein Lazarettschiff, hat aber mit dem Militär nichts zu tun. Das Besondere: Die gesamte, mehr als 400 Helfer starke Besatzung ist ehrenamtlich tätig. Auf dem Schiff arbeiten Ärzte und Zahnärzte, die in akuten Situationen helfen können, aber auch Operationen durchführen, die es vor Ort nicht gibt. Wichtig ist, dass sich auch Ehrenamtliche melden, die andere Qualifikationen haben (wie zum Beispiel gerade ein Maschineningenieur der Costa-Kreuzfahrtgruppe). Außerdem arbeitet die NGO mit Regierungen zusammen, um das lokale Gesundheitssystem zu verbessern. Auch dafür braucht es Spenden.

Was wir bei beiden „Projekten“, der privaten Hilfe und den staatlichen Bündnissen, in der Praxis nicht vergessen sollten, ist die Augenhöhe. Vermutlich sind schon viele Entwicklungshilfemaßnahmen daran gescheitert, dass lokale Kulturen nicht berücksichtigt, besondere Traditionen nicht erkannt und spezifisches Verhalten nicht verstanden wurde. Wenn wir eines in den vergangenen Jahrzehnten der Entwicklungshilfe gelernt haben sollten, dann, diesen Fehler nicht mehr zu machen. Alle  Kulturen benötigen jeweils individuelle Lösungen.

Mehr zu Mercy Ships
Das G20-Abschlusskommuniqué

Studie: Gehen Naturschutz und Energiewende zusammen?

Von Petra Reinken

Windräder an der Nordseeküste

Die gute Nachricht ist: Wir schaffen das. Christina von Haaren vom Institut für Umweltplanung der Universität Hannover arbeitet mit ihrem Team und im Auftrag des Bundesumweltministeriums gerade an einer Studie, die klären soll, ob wir bis 2050 eine naturverträgliche Energiewende hinbekommen. Also: Können die Ziele der Energiewende und die Ziele des Naturschutzes miteinander verbunden werden?

Und die Forschung sagt kurz vor Abschluss der Untersuchungen: Ja, das geht.

Fritz Brickwedde vom Bundesverband Erneuerbare Energien, der bei der Vorstellung der ersten Studienergebnisse in Berlin neben der Forscherin auf dem Podium saß, schüttelte aber den Kopf. Deutschland sei längst nicht mehr Vorreiter in Sachen Erneuerbare Energien, sagt der ehemalige Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. „Wir verfehlen unsere Ziele jeden Tag, weil die steuerlichen Anreize nicht richtig sind.“ Er nannte eine steuerliche Förderung des Bundes für Ölheizungen als Beispiel und unterstrich: „Wir sind kontraproduktiv und inkonsistent in der Energiewende.“

In der Gegenrede zu Brickwedde hieß es auf dem Podium, die Rahmenbedingungen könnten sich ja auch ändern. Christina von Haaren jedenfalls wollte sich ihren Optimismus nicht nehmen lassen. Ihre Studie beinhaltet drei Szenarien, wie Deutschland im Jahr 2050 zu 100 Prozent aus Erneuerbaren versorgt werden kann, ohne dass der Naturschutz darunter leidet. Bemerkenswert: Die Studie geht in allen drei Szenarien davon aus, dass der Anteil der Photovoltaik – also Solaranlagen zur Stromerzeugung – am Energiemix der Zukunft bei deutlich mehr als der Hälfte liegt. Dafür sollen alle geeigneten Dächer im Siedlungsbereich genutzt werden. Neben der Photovoltaik würde der zweite größere Anteil von Windkraft an Land kommen – je nach Szenario zwischen 32 und 19 Prozent. Auch von Haaren betont aber, „dass politische Rahmensetzungen und ein gesellschaftlicher Aufbruch notwendig sind, damit die Energiewende nachhaltig verläuft und bis 2050 erreichbar ist.“

Alles in allem drehte sich die Diskussion der fünf Gesprächspartner auf dem Podium zu einem erheblichen Teil der Zeit um das Thema Windkraft – um Flächenverfügbarkeit und Abstandsregelungen. Das dabei so überaus wichtige Thema „Power to Gas“ für die Speicherung überschüssiger Windenergie wurde nicht angesprochen. Dabei könnte diese Technik unter Umständen den Bau von neuen lange Stromleitungen überflüssig machen.

Die Frage, warum man von einem hohen Energieeinsparpotenzial ausgeht, obwohl doch die Vergangenheit immer wieder gezeigt hat, dass Rebound-Effekte und neue stromverbrauchende Geräte fast jede Einsparung wieder auffressen, wurde ebenfalls nicht gestellt. Und die zweimal im Nebensatz geäußerte Bemerkung, die Energiewende im Verkehr hätte ja mit Naturschutz nicht viel zu tun, blieb unwidersprochen. Dabei ändert ein Elektroauto gar nichts an dem Flächen- und Naturverbrauch durch die Mobilitätsinfrastruktur – und bei jeder Brücke und jeder Umgehungsstraße gerät diese in Konflikt mit dem Naturschutz.

Doch vielleicht ist an Ende des Tages einfach nur die eine klare Aussage wichtig: Wir können es schaffen. Dann mal los!

Die Kurzfassung der vorläufigen Ergebnisse der Studie ist hier einsehbar:

Emotion Award – Preis für Frauen, die begeistern

Von Monika Griefahn (Fotos: Franziska Krug/Getty Images for Emotion.award)


Dr. Alexandra Widmer? Heike Langguth? Annette Pascoe? Das sind Namen, die man nicht unbedingt kennt, und dennoch sind diese Frauen jetzt mit dem Emotion Award ausgezeichnet worden. Bei diesem Preis geht es allgemein darum, Frauen zu würdigen, die begeistern. In der Kategorie „Frauen in Führung“ etwa wurden Frauen gesucht, „die eine besondere Firmenkultur fördern, die Mitarbeiterförderung neu definieren. Und Frauen, die sich in Männerdomänen einen Namen verschafften konnten, die den Weg für andere Frauen ebnen.“ Das kann grundsätzlich jede Firmenchefin sein, und darum freue ich mich sehr auch für die unbekannteren Preisträgerinnen. Denn die Auszeichnung bedeutet, dass sie in ihrem eigenen Verantwortungsbereich ohne viel Publicity kreativ arbeiten und Vieles leisten.

Den Sonderpreis bekam allerdings doch eine Frau, deren Namen man seit Jahrzehnten kennt: Rita Süssmuth. Ich habe mit ihr lange in der Interparlamentarischen Union zusammengearbeitet und weiß, dass sie sich immer für Gleichberechtigung eingesetzt hat. Sie hat in ihrer Partei der CDU für die Frauenquote gekämpft, was sicherlich lange Zeit eine eher frustrierende Auseinandersetzung in der Partei gewesen sein muss. Sie war in den 1980er Jahren Bundesfamilienministerin und zehn Jahre lang Präsidentin des Deutschen Bundestages. Jetzt ist sie 80Jahre alt und engagiert wie eh und je.

Und noch etwas ist schön an diesem Preis: Es geht um Frauen, aber es ist keine reine Frauenveranstaltung. Ins Publikum hatten sich vielleicht 20 Prozent Männer gemischt, und auch in der Jury entschieden Männer über die Preisvergabe mit. Zu den Laudatoren gehörten Johannes B. Kerner und Jörg Thadeusz. Das alles ist fein, denn es zeigt, dass immer mehr Männer Leistung und Lebenswerk von Frauen honorieren – dass eigene, starke Frauenbiografien selbstverständlicher werden. Dass die Zeitschrift „emotion“ das Frauenthema mit einer ehrenvollen Veranstaltung wie der Preisverleihung aufrechterhält, obwohl es derzeit vielleicht nicht so sehr Konjunktur hat, ist wichtig.

Der Emotion Award wird neben der Kategorie „Frauen in Führung“, wo unter anderem die oben genannte Heike Langguth als Leiterin der Bereitschaftspolizei Thüringen sich den Preis verdient hat, auch vergeben in den Kategorien „Soziale Werte“, „Team Sonderpreis Hand in Hand“, „Unternehmerinnen/Gründerinnen“, „Frau der Stunde“ und „Lebenswerk (Rita Süssmuth). Es lohnt sich, sich über die 19 Preisträgerinnen einmal genauer zu informieren – und das geht auf der Internetseite des Emotion Awards. Hier entlang!

Utopien und klare Konturen gegen Politikverdrossenheit

Von Monika Griefahn

Der Wahlkampf für die Bundestagswahl 2017 wirft seine Schatten voraus. Um Menschen und besonders junge Menschen (wieder) für Politik zu interessieren, legten die Friedrich-Ebert-Stiftung und unsere SPD-Bundestagsabgeordnete Svenja Stadler den Finger in die Wunde und luden zur alternativen Talkshow ein. Das Thema: „Miteinander reden statt übereinander klagen. Eine alternative Talkshow zur Politikverdrossenheit“.

Der Inhalt und die Frage, was an der Veranstaltung alternativ sein würde, machten mich neugierig, und so ging ich hin. Das Konzept, stellte sich dann heraus, war angelehnt an die Sendung „Hart aber fair“. Die Diskussion in Buchholz wurde per Livestream in Internet übertragen, und „da draußen“ diskutierten Zuhörer mit. Die Verzahnung von Vor-Ort-Debatte und dem Online-Chat gelang indes nicht gut – aufgrund vieler direkter Wortbeiträge wurde der Livechat fast vollständig vergessen und blieb letztlich eine separate Veranstaltung.

Die inhaltliche Analyse war aufschlussreich: Dr. Matthias Micus vom Göttinger Institut für Demokratieforschung nahm die Verdrossenheit der Bürger ernst – sei es nun Politik-, Partei- oder Politikerverdrossenheit. Denn diese Verdrossenheit habe die Parteien als wichtigste Säule des politischen Systems in Deutschland porös und instabil gemacht. Und immer weniger Wahlberechtigte entschieden sich für die Volksparteien.

„Partizipation“, sagte Micus, „hängt vom Interesse ab, und das hängt vom Selbstwirksamkeitsempfinden ab.“ Wo der Glaube herrsche, man könne nichts verändern, da schwinde die Partizipation. Zwar sei das ehrenamtliche Engagement insgesamt gestiegen, aber jene, die schon im Abseits stünden, würden auch durch neue, unkonventionelle Instrumente der Partizipation nicht erreicht. Die Schere klaffe auseinander, und wer aus der Passivität zurückdränge in die Aktivität, tue das meist nicht konstruktiv, sondern pessimistisch und misstrauisch. Micus forderte: „Die etablierten Kräfte müssen Parteien offensiver verteidigen, denn sie sind Filter gegen Populisten.“

Um Menschen wieder für Politik zu gewinnen, so Micus, müssten Parteien sie zunächst über unpolitische Angebote wieder interessieren, erst einmal ohne Eigennutz, denn dann würden Hemmschwellen abgebaut. Das könne schließlich wieder zu politischem Engagement führen. Gleichzeitig forderte er von den Volksparteien, wieder Utopien und Visionen anzubieten, denn: „Eine Mobilisierung überhaupt ergibt sich aus klaren politischen Profilen und Unterscheidbarkeiten.“

Wie politikverdrossen ist die Bevölkerung nun? Die jüngste Kandidatin auf dem Podium, Sophie Röhse vom Jugendrat in Buchholz, sagte: „Ich glaube, es gibt ein Interesse an Politik. Sie ist auch relevant für junge Menschen, aber die fühlen sich nicht repräsentiert.“ Das mag so sein, aber das bedeutet auch, dass es junge Menschen geben muss, die sich aktiv engagieren – wer sonst soll die jungen Leute repräsentieren?

Tatsächlich aber wurden einige Teilnehmer des Podiums nicht besonders wahrgenommen und konnten nicht so recht an der Diskussion partizipieren – genau das, was wir doch nicht wollen. So wurde die junge Sophie Röhse kaum in das Gespräch einbezogen, und der engagierte Kommunalpolitiker Martin Gerdau kam ebenso selten zu Wort. Der Internetchat lief wie gesagt nebenher und war später auch nicht mehr einsehbar.

Die Idee der alternativen Talkshow war also gut, und das Konzept könnte wirklich partizipativ werden – wenn an der Umsetzung noch ein bisschen gearbeitet wird.

Bäume hören nicht auf McKinsey

Von  Petra Reinken

Der Österreicher Erwin Thoma ist gelernter Forst- und Betriebswirt. Heute, mit Mitte 50, ist er Inhaber eines Unternehmens, das Massivholzhäuser baut – und zwar ohne Schrauben, ohne Leim. Er ist auch Autor, und er hat eine Botschaft: Seid wie die Fichte!

„Die Fichte ist der Baum, der am wenigsten kann“, erzählt Erwin Thoma bei einem unterhaltsamen Vortrag in Hollenstedt. Der Zimmereibetrieb Holzbau Mojen hatte dazu ins Weinkonzept im Gewerbegebiet eingeladen. Mehrere hundert Zuhörer ließen sich vom Referenten aus Österreich in die Wunderwelt der Bäume entführen und vom Massivholzbau begeistern. Und vielleicht auch davon, ein bisschen mehr zu sein wie die Fichte, wie der Baum, der am wenigsten kann. „Das Holz der Fichte ist nachgiebig“, sagt Thoma, „der Baum schmalbrüstig, seine flachen Wurzeln überlassen das Erdreich den anderen.“ Trotzdem sei die Fichte der Baum, der sich am weitesten durchgesetzt habe. „Wie kann das sein?“

Thoma löst das Rätsel selbst auf: „Die Fichte, die hätte jeder gerne als Nachbarn. Sie tut niemandem weh, sie kann teilen, sie wird gerne geduldet. Und damit kommt sie am weitesten.“ Diese Kooperationsbereitschaft der Fichte, die sei auch das Credo für sein Leben geworden. Dass er sein Wissen über den Wald, die Bäume und den Massivholzbau in Büchern veröffentliche – es mit anderen teile – das habe sich zig-fach ausgezahlt durch Aufträge bis hin ins ferne Japan. „Bäume hören nicht auf McKinsey“, fasst Thoma zusammen – ein Seitenhieb auf alle Unternehmensberater mit Ellenbogenmentalität.

Eindringlich ließ er die Zuhörer teilhaben an seiner Familiengeschichte: dass er die Firma mit seinem Großvater zusammen gründete, der weise sagte: „Du musst das Holz in seiner besten Form verwenden: schlage es bei abnehmendem Mond“. Dazu ließ er sich mehr überreden als überzeugen, doch heute sagt er in seinem so stark österreichischen Dialekt, dass der Norddeutsche ihn phasenweise kaum versteht: „Wos der Opa g‘wusst hat, des is a Woahnsinn!“ Seine „Mondbäume“ zeigten sich deutlich resistenter gegenüber Pilzen und Insekten als Bäume, die zu anderen Zeiten geschlagen wurden. Chemische Behandlungen, die aus dem Naturstoff Holz Sondermüll machen, brauchen sie nicht.

In seiner besten Form – das bedeutet auch: massiv. Thoma hat eine Massivholzbauweise entwickelt, die einzelne Holzlagen verzapft, sodass keinerlei Schrauben nötig sind. Gleichzeitig behält der Naturstoff seine hervorragenden Eigenschaften was Dämmung, Feuerfestigkeit und Temperaturkonstanz angeht. Der Unternehmer hat all dies in seiner Laufbahn beweisen müssen, um Baugenehmigungen zu bekommen. Und zusammen mit dem Mediziner Maximilian Moser bewies er auch noch, dass das Wohnen im Holzhaus den Menschen gesundheitlich guttut: Es stärkt das Immun- und Nervensystem und sorgt für einen tieferen Schlaf. Der Herzschlag verlangsamt sich. Thoma selbst scheint der beste Beweis: Es ist 55 Jahre alt und dabei ein Mann mit unbändiger Energie. Sein Vortrag trägt weit über den Abend hinaus. Bleibt nur am Ende die Frage, was man nun tun soll, mit dem Backsteinhaus, in dem man wohnt.