Machtlust statt Verantwortung in der Türkei

Von Monika Griefahn

Nun soll es Neuwahlen in der Türkei geben. Das ist nicht die Konsequenz aus einer gewollten und nicht gekonnten Regierungsbildung, das ist reines politisches Kalkül. Präsident Erdogan hat bei den Parlamentswahlen im Juni seine absolute Mehrheit verloren. Seine Pläne, eine Präsidialregierung mithilfe einer Verfassungsänderung durchzusetzen, gingen nicht auf. Nun hofft er, mit Neuwahlen eine andere parlamentarische Zusammensetzung hinzubekommen, die ihm dann seine Wünsche erfüllt. Und: Es ist seine Chance nicht selbst vor einem Gericht zu landen. Denn viele Korruptionsvorwürfe belasten ihn und seine Familie.

Bei meinem Türkeibesuch in diesem Sommer habe ich mit zahlreichen Menschen gesprochen. Viele von ihnen glauben nicht daran, dass dieser Plan aufgeht. Oder sollte ich sagen, sie hoffen? Sie hoffen, dass er es nicht schafft, Parteien wie die kurdisch orientierte HDP aus dem Parlament zu drängen. Die Zehn-Prozent-Hürde ist jedoch ein dicker Brocken für kleinere Parteien. Auf Deutschland bezogen hieße das, außer der CDU und der SPD würden derzeit keine weiteren Parteien im Bundestag sitzen. Selbst Linke und Grüne wären nicht vertreten. Sie konnten in das deutsche Parlament einziehen, weil bei uns die Fünf-Prozent-Hürde gilt.

Erdogan hat mit den jüngsten Bombardierungen nicht nur der Einheiten des IS, sondern auch der PKK, den Friedensprozess mit den Kurden beendet. Das gibt ihm vermeintlich die Chance, bei Neuwahlen die absolute Mehrheit wieder zu erlangen. Ich habe bei meinem Türkei-Aufenthalt auch mit Medienvertretern gesprochen, die bestätigen, dass die Presse eingeschüchtert wird. Wir erinnern uns auch an die Abschaltung von Twitter und Youtube in der Türkei 2014. Einige der Journalisten und Medien lassen sich nicht einschüchtern: Sie machen weiter – schreiben, was besser werden muss in ihrem Land, lassen sich beschimpfen, schieben die Angst weg, überfallen, angeklagt oder inhaftiert zu werden. Das ist sehr mutig! (Es kursierten Zahlen, dass mehr Journalisten in der Türkei im Gefängnis sitzen als in China). Und welches Demokratieverständnis hat Herr Erdogan? Erdogan hat einen 1000-Zimmer-Palast gebaut. Er will damit eine Nebenregierung aufbauen und verhält sich so wie ein absolutistischer Präsident.

Was aber noch schlimmer ist: Das Land ist derzeit nicht handlungsfähig. Neuwahlen bedeuten Wahlkampf, und die Bildung einer Übergangsregierung bedeutet Koalitionsverhandlungen. Es ist so, dass wenig inhaltliche Politik gemacht wird in diesen Phasen. Die ankommenden Flüchtlinge und die fortlaufenden Taten des Islamischen Staates IS gleich hinter der Grenze vor Augen ist eine Lähmung der Türkei alles andere als wünschenswert. Eitelkeiten, Machthaber-Gehabe, Egoismus, all das hat keinen Platz, wenn eigentlich dringend geboten ist, wirkliche Herausforderungen zu bewältigen. Wenn eigentlich alle helfen und alle an einem Strang ziehen müssten. Die Türkei ist wichtig und ich wünsche mir, dass all die Menschen unterstützt werden, die an dem Weg zu einer funktionierenden Demokratie arbeiten.

Schiffe, die mit Windstrom fahren

Von Monika Griefahn

Präsentation NachhaltigkeitsberichtEs macht Spaß, wieder Visionen zu haben! Kürzlich haben wir den neuen Nachhaltigkeitsbericht von Aida Cruises vorgestellt. Die wichtigsten Pläne auf dem Weg hin zu einer umweltverträglicheren Kreuzfahrt sind die beiden neuen Schiffe, die Aida mit LNG-Antrieb bauen lassen will. Sie sollen nur noch mit flüssigem Erdgas fahren, was die Schadstoffemissionen ganz erheblich verringert. Die Vision dabei ist: Das Gas soll irgendwann komplett aus erneuerbaren Energien kommen. Wir wollen, dass die Power-to-Gas-Technologie marktreif wird, und dass überschüssiger Strom aus Windenergie in Erdgas umgewandelt wird, um es dann zu nutzen. Dann können wir wirklich von einem nachhaltigen Antrieb sprechen, quasi davon, dass die Schiffe mit Windstrom fahren! Und das Beste: So weit entfernt von einer Marktreife sind wir womöglich gar nicht mehr, denn es gibt bereits vielversprechende Pilotprojekte.

Infos zu Pilotprojekten hier

Aus meiner Sicht wäre es der endgültige Durchbruch der Erneuerbaren Energien. Und es wird höchste Zeit dafür! Klimawandel, endliche Ressourcen, Verschmutzung von Böden und Wasser an den Förderstätten der herkömmlichen Energie – all das ist ja real.

Für Aida ist das Ja zu LNG ein mutiges Bekenntnis. Denn noch ist die Infrastruktur in den Häfen dieser Welt gar nicht für einen reinen LNG-Betrieb gemacht, noch sind die gesetzlichen Bestimmungen nicht angepasst. Die Schiffe sollen in den Jahren 2019 bzw. 2020 erstmals im Einsatz sein – bis dahin muss also noch einiges passieren.

Die Schiffe, die jetzt für Aida in See stechen, werden derzeit nach und nach mit Filtersystemen ausgerüstet, so dass auch der Betrieb mit den jetzigen Treibstoffen Marinediesel und Schweröl umweltfreundlicher wird. Mit diesen Systemen können zum Beispiel Rußpartikel, Stickoxide und Schwefeloxide um mehr als 90 Prozent reduziert werden. Daneben gibt es in den Schiffen, die dieses und nächstes Jahr in Dienst gestellt werden, Dual-Fuel-Antriebe, die im Hafen schon mit Gas betrieben werden können sowie Steckdosen für Landanschlüsse an beiden Seiten. Davon abgesehen versuchen wir auch, durch verschiedene Maßnahmen Energie zu sparen und damit den Treibstoffverbrauch zu reduzieren. Wir sind in diesem Jahr weiterhin eine Kooperation mit Atmosfair eingegangen, um Dienstreisen der Mitarbeiter zu kompensieren. Auch unsere Gäste können kompensieren, wenn sie wollen, und damit wichtige Nachhaltigkeitsprojekte in der Welt unterstützen. Das ist auch der Grund dafür, dass der Klimaforscher und Atmosfair-Schirmherr Mojib Latif den neuen Nachhaltigkeitsbericht gemeinsam mit mir vorgestellt hat.

All das, was Aida tut, sind wichtige Maßnahmen für die Gegenwart. Die Zukunft aber liegt auch in der Kreuzfahrt-Branche bei den Erneuerbaren.

Der Nachhaltigkeitsbericht Aida cares

Handwerk und Cradle to Cradle

Von Monika Griefahn

expertenkreiseEs ist schön zu bemerken, dass das Cradle-to-Cradle-Konzept inzwischen bei den allermeisten Veranstaltungen, zu denen ich eingeladen werde, bekannt ist. So auch bei der Tagung der Expertenkreise „Energie und Umwelttechnik“ und „Bau- und Restaurierungstechnologien“ des Heinz-Piest-Instituts für Handwerkstechnik an der Uni Hannover. Eine Welt ohne Abfall – sie wird nicht mehr nur als unerreichbare Vision gesehen, sie wird mehr und mehr zum erreichbaren Ziel. Jetzt geht es ans „Finetuning“: Wie kann Cradle to Cradle in den Betrieben angewendet und umgesetzt werden?

Bei der Tagung der Expertenkreise konnte ich einige Beispiele aus dem Handwerk vorstellen, bei denen Cradle to Cradle schon berücksichtigt wird. Immer wieder begeistert bin ich zum Beispiel von den mörtellosen Fassaden von Daas Baksteen, die mit einem Klicksystem gebaut werden. Dadurch sind sie bei Abbruch des Hauses einfach wieder auseinanderzunehmen, und die Fassade kann wiederverwendet werden. Oder – bei der Innenraumgestaltung – gibt es Stoffe, Farben und Bodenbeläge, die ohne schädliche Stoffe auskommen und so einfacher recycelt werden können. Außerdem ein Trend: Vollholzhäuser ohne Verleimungen. Der Wert eines Hauses steckt zu großen Teilen in den Materialien, und Pionier-Unternehmen präsentieren immer bessere Wege, diesen Wert auch nach der Nutzungsdauer eines Hauses zu erhalten.

Die Handwerksbetriebe, -beauftragten und Behördenvertreter bei der Expertenkreise-Tagung sprachen mit mir auch über schwierige Marktsituationen und Befürchtungen im Zusammenhang mit der Umsetzung des Konzepts. Denn dieses Konzept beinhaltet auch Leasing-Systeme für Maschinen und Bauteile. Verkauft werden sollen zum Beispiel nicht Waschmaschinen, sondern Waschgänge, nicht Fernseher, sondern Fernsehstunden. Nach einer bestimmten Nutzungsdauer erhält der Hersteller sein Gerät zurück. Er kann die Materialien dann wieder nutzen und – so das Kalkül – wird darum nur positiv definierte Materialien einsetzen. Die Betriebe, so wurde deutlich, befürchteten bei diesem Konzept, dass regionale Händler überflüssig würden und es keine Reparaturaufträge mehr gebe.

Klar ist sicherlich, dass Leasing- und Contracting-Verträge einfacher werden müssen, damit auch kleinere Betriebe die Chance haben, sich als Dienstleistungsanbieter zu behaupten. Unter Umständen sind von Dachverbänden entwickelte Musterverträge hier eine Möglichkeit, der Bürokratisierung entgegenzuwirken.

Mein Appell geht auch an die öffentliche Hand: Diese fordere, so die Aussagen bei der Expertenkreise-Tagung, vor Auftragsvergaben immer häufiger Zertifikate ein, die kleine lokale Betriebe aufgrund des Arbeits- und Finanzaufwandes, sie zu bekommen, nicht beibringen könnten. Öffentliche Auftraggeber können sich aber bei der einen oder anderen Entscheidung auch auf die Kenntnis der lokalen Gegebenheiten verlassen und den Firmen vor Ort, die sie seit Jahren oder Jahrzehnten kennen, die Erfüllung ihrer angebotenen Dienstleistungen zutrauen.

Das Bild zeigt:  (v. l.) Jans-Paul Ernsting (Handwerkskammer Hannover), Walter Pirk (Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik an der Leibniz Universität Hannover) und  Dr. Frank-Peter Ahlers (Handwerkskammer Hannover).

Cradle to Cradle e.V. zieht in neues Büro

Von Monika Griefahn und dem Redaktionsteam des Cradle to Cradle e.V.

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Der Verein wird flügge: Im Jahr 2012 haben wir den „Cradle to Cradle – Wiege zur Wiege e.V.“ gegründet, und jetzt sind die Aktiven in Berlin in ein schönes helles Büro mit mehreren Arbeitsplätzen gezogen. Nach wie vor lebt der Verein vom Ehrenamt, vom Engagement vieler. Doch das Büro mit der hauptamtlichen Struktur, wie wir sie inzwischen haben, ist wichtige Anlaufstelle für all die Menschen, die helfen, die Cradle-to-Cradle-Denkschule in die Gesellschaft zu bringen.

Am Donnerstag, den 9. Juli 2015, begrüßten wir Aktive, Partner, Freunde und Bekannte in den ersten eigenen Räumen. Seit Anfang 2015 arbeitet das Team des e.V. in der Naugarder Straße 43 in Berlin. Unter den Gästen der Einweihungsfeier waren unter anderem die Schauspielerin, Geschäftsführerin des Miwai Eco Fashion Onlinestores und Beirätin des C2C e.V. Inez Bjørg David, die Abgeordnete des Berliner Abgeordnetenhauses Dr. Clara West, der Geschäftsführer von Biomimicry Germany Dr. Arndt Pechstein, die Gründerin von Schule im Aufbruch und Schulleiterin Margret Rasfeld, der Vizepräsident der Bundesvereinigung Nachhaltigkeit Martin Wittkau, Sascha Rieth von der Biocompany sowie weitere Personen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

Die Geschäftsführer Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen berichteten aus der Arbeit und den aktuellen Projekten. So betreut das Büroteam unter anderem die 22 Regionalgruppen im ganzen Bundesgebiet, engagiert sich in der Vorbereitung der „Akademie“ vom 21. bis 22. August und bereitet natürlich den kommenden, zweiten Cradle-to-Cradle-Kongress unter der Schirmherrschaft von Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks am 31. Oktober 2015 in Lüneburg vor.

Vielen Dank für die konstruktiven und freundlichen Gespräche! Das C2C-Team (siehe Foto unten, mit Monika Griefahn und Inez Bjørg David) freut sich auf die weitere Zusammenarbeit in Berlin.

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„Aida“ in Eutin

Von Monika Griefahn

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Nein, dieses Mal erzähle ich nicht von dem Kreuzfahrtunternehmen, für das ich tätig bin, sondern von der Verdi-Oper „Aida“, die 1871 in Kairo uraufgeführt wurde. In wunderbarer Kulisse in Eutin erfreuten ausdrucksstarke Sänger jetzt die 1600 Premierengäste der diesjährigen Eutiner Festspiele. Seit 65 Jahren und mit viel Auf und Ab engagieren sich die künstlerische Leitung sowie viele Unterstützer immer wieder aufs Neue, im Norden ein Kultur-Highlight in toller Umgebung zu präsentieren. Das gelingt immer wieder – ich empfehle also unbedingt einen Ausflug an die Ostseeküste. Bis Ende August stehen Aufführungen der Oper „Aida“ oder der Operette „Der Vogelhändler“ auf dem Programm.

In der großen Oper von Giuseppe Verdi geht es um Liebe und Macht. Es sind die Themen, die über die Jahrhunderte ihre Aktualität nicht verlieren, auch, wenn die historische Einkleidung wechseln mag. Zum Inhalt: Aida, Tochter des äthiopischen Königs, wurde nach Ägypten verschleppt. Sie liebt Radames, der ihre Liebe erwidert, doch als die Äthiopier nach Ägypten vordringen, um die Prinzessin zu befreien, muss Radames das ägyptische Heer anführen. Er sieht sich nicht nur diesem Konflikt ausgesetzt, sondern steht auch zwischen zwei Frauen, die ihn begehren: neben Aida noch die Tochter des ägyptischen Pharaos Amneris.

Die beiden Frauen werden zu Rivalinnen. Lügen und Berechnung, Verrat und Opferfähigkeit machen die Kriegs- und Gefühlswirren komplett. Am Ende, so beschreiben es die Verantwortlichen der Eutiner Festspiele auf ihrer Homepage, am Ende „siegt die Liebe: ,Leb wohl, o Erde, du Tal der Tränen‘ singen Radames und Aida – nur im Tode endlich vereint.“

Schon, als die Oper 1871 ihre Uraufführung erlebte, rissen die „prächtigen Chorszenen, die mitreißenden Arien und romantischen Duette“ die Zuschauer von ihren Plätzen. Die Premiere zur Eröffnung der Eutiner Festspiele 2015, also 144 Jahre später, begeisterte nun mich und viele um mich herum – so muss es auch damals gewesen sein. Neben dem exzellenten Ensemble und dem monumental-puristischen Bühnenbild macht auch die Anlage an sich einen Teil des Opern-Erlebnisses in Eutin aus: Die Freilichtbühne liegt im Schlossgarten am Ufer des Eutiner Sees. Ein perfektes Erlebnis, wenn das Wetter mitspielt – und das hat es bei der Premiere getan. (Foto: Eutiner Festspiele)

Zu den Eutiner Festspielen

„Bildung für nachhaltige Entwicklung in Niedersachsen“ – Austausch ohne Durchbruch

Von Petra Reinken

Die Evangelische Akademie Loccum ist ein Garant für inspirierende Fortbildungen und perfekten Austausch zwischen den Teilnehmern von Seminaren. So war es auch bei der Fortbildung „Bildung für nachhaltige Entwicklung in Niedersachsen“. Lehrer, Vertreter außerschulischer Bildungseinrichtungen, Professoren, kommunale Verantwortliche, engagierte Bürger, Agenda-Aktive – das Publikum kam zwar mehrheitlich aus dem Lehramtsbereich, war aber immer noch eine bunte Mischung all derer, die sich für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung – kurz BNE – engagieren.

Es zeigte sich, dass auf der Ebene von Schulen, Kommunen oder eigenem Engagement in Sachen BNE sehr viel passiert, sehr viele Ideale gelebt werden. Die Diskussionen offenbarten aber auch: Sobald die Prinzipien der BNE (siehe dazu Link am Ende des Textes) verstetigt werden sollen – sei es in kommunale Leitlinien, in Prüfungsplänen oder in gemeinsame Grundsätze einer Schule -, gerät individuelles Engagement an seine Grenzen. Lehrer stoßen bei ihren Kollegen auf Ablehnung, wenn sie Flugreisen thematisieren. Agenda-Aktiven geht der Ansatz der eigenen Stadtverwaltung nicht weit genug. Den Meister im Betrieb interessiert wenig, was der Azubi in der Berufsschule über den nachhaltigen Einsatz von Materialien gelernt hat.

Leider gelang auch bei dieser Fortbildung kein Durchbruch. Was besprochen wurde, drehte sich im geschlossenen Kreis von „Energie sparen“, „Kommunen haben kein Geld“ oder „Ich bin Einzelkämpfer“. Diskussionen zeigten bei allem Engagement eine Ratlosigkeit, wie dieser Kreis zu öffnen sei  – oder mündeten auch in dem Unwillen, neue Wege zu denken, wenn die alten nicht funktionieren. Welche Strategien müssen erprobt werden? Vorsichtshalber wurde in einem Seminarmodul denn auch abgelehnt, „am ganz großen Rad zu drehen“.

Die vielfach erfolgreichen Grundsätze der Werbung anzuwenden und zu versuchen, Nachhaltigkeit „sexy“ zu machen, sie zu verkaufen, stieß somit nicht auf Gegenliebe bei den vielen individuellen Idealisten, wurden als „irgendwie schmutzig“ empfunden. Oder in der Berufsbildung: Der Bruch, an dem Nachhaltigkeitsgrundsätze wieder abhandenkommen, diagnostizierten die Teilnehmer eines Seminar-Moduls am Übergang von der Schule in die Berufswelt. Gleichwohl kam keiner auf die Idee, BNE stärker in der betrieblichen Praxis unterzubringen. Ein Berufsschullehrer vermutete den „Wirkungsgrad von Schule bei zehn Prozent“, dennoch stand am Ende des Moduls lediglich die Forderung, BNE in Prüfungsanforderungen einzubinden.

Es gibt viele Strategien, wie Gesellschaft auf diese Unzulänglichkeiten reagieren könnte, um sich selbst zu retten, und es ist schwer zu sagen, welche wohl die richtige ist – beziehungsweise, wie sie alle ineinander greifen können. Konsistenzstrategie, Gemeinwohlökonomie, Postwachstum – Ansätze für einen Paradigmenwechsel gibt es. Aber diese zu diskutieren, soweit sind wir in dem Seminar nicht gekommen. Es war ein wichtiger Austausch, und doch bleibt am Ende das Gefühl, nur auf der Stelle zu treten. Dafür aber haben wir keine Zeit.

Zu den Grundsätzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung

Zur Evangelischen Akademie Loccum

Klare Worte von SPD-Urgestein Eppler

Von Monika Griefahn

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Es war ein intensiver Abend, und ich danke dem Arbeitskreis der Christinnen und Christen in der SPD, dass sie ihn während des Deutschen Evangelischen Kirchentages organisiert haben. Sehr persönlich sprachen Familienministerin Manuela Schwesig, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und der ehemalige Entwicklungshilfeminister Erhard Eppler über ihre Eindrücke beim Kirchentag und über den Zustand der Gesellschaft und der Welt.

Ein besonderes Erlebnis für mich war es, Erhard Eppler nach langer Zeit einmal wiederzutreffen. Er ist der Vordenker in der SPD in Sachen Umweltpolitik, er musste Willy Brandt und Helmut Schmidt erst darauf bringen, dass Umweltschutz und Entwicklungshilfe wichtige Aufgaben von Politik sind. Er prägte auf einer IG-Metall-Tagung den Begriff des qualitativen Wachstums (heute spricht die IG-Metall-Vorstandsfrau Christiane Benner von der Kampagne „Besser statt billiger“!) Eppler hat als einer der ersten in der SPD erkannt, wie gefährlich die Nutzung der Atomenergie ist. Er ist inzwischen 88 Jahre alt.

Erhard Eppler wurde auf dem – wie er sagte „seinem letzten“ – Kirchentag sehr deutlich in seiner Kritik an der gegenwärtigen Biedermeierpolitik der Bundeskanzlerin. Scheinbar gehe es uns gut und wir lehnten uns bräsig zurück. Aber der Konflikt mit Russland sei nicht durch Ausgrenzung, sondern nur durch Dialog zu lösen, forderte er. Russland, China, Indien und Brasilien gehörten mit an den Tisch, und wir würden übersehen, dass gerade in China zurzeit das größte Programm der Welt für erneuerbare Energien laufe. Ausruhen ginge nicht, meinte Eppler, und die Konflikte lösten wir sicher nicht durch Abschottung. „Dafür müssen wir noch viel tun!“

Cradle to Cradle auf dem Kirchentag

Von Monika Griefahn

Diskussionsrunde

Baden-Württemberg hat einen grünen Ministerpräsidenten und viele finden ihn gut. Selbst ein Taxifahrer, mit dem ich letztens sprach, hatte keine Zweifel an seiner Wiederwahl. Was liegt also näher als in Baden-Württemberg nach der Umsetzung von Cradle to Cradle zu fragen?

Am Samstag startete der Morgen auf dem Deutschen evangelischen Kirchentag in Stuttgart mit einer spannenden Debatte. Die Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Rita Schwarzelühr-Sutter, zeigte in ihrer Rede auf, dass Effizienz alleine unsere Ressourcen-Engpässe nicht wird beenden können. Auch Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Co-Präsident des Club of Rome, ergänzte seine Aussagen zum Faktor 5 um die Notwendigkeit – wie im Cradle-to-Cradle-Ansatz – alle Produkte von Anfang an so zu denken, dass ihre Materialien nach Gebrauch wieder einsetzbar oder biologisch abbaubar sind.

Reiner Mangold von Audi zeigte auf, dass Energieeffizienz bei den Autos nicht das Hauptkriterium für den Kauf sei. Insofern ist noch viel Entwicklung zu betreiben: Auch andere Treibstoffe oder neue Serviceformen für Mobilität müssen neben Carsharing-Modellen entwickeln werden. , wenn die Automobilbranche auch in Zukunft noch ein wichtiger Arbeitgeber in Deutschland sein will.

Ich habe das Cradle-to-Cradle-Konzept mit seinen Upcycling-Kreisläufen von Rohstoffen erklärt. Rund 1600 Zuhörer haben die Diskussion unter der fachkundigen Moderation von Elisabeth von Thadden, Journalistin bei der Zeit, verfolgt und trotz heißem Zelt in brütender Stuttgarter Sonne bis zum Mittag ausgeharrt.

Zum Thema Arbeitsplätze und eine Zukunft in Verantwortung ging es auch am Nachmittag in der Diskussion „Sparen reicht nicht – Umgang mit Ressourcen in Wirtschaft und Gesellschaft“ weiter. Die Unternehmerin Susanne Henkel arbeitet schon seit vielen Jahren mit Qualität und Reparatur-Freundlichkeit „Made in Germany“. Und hat Erfolg. Eine kompetente Runde diskutierte anschließend: Richard Arnold (Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd), Christiane Benner (IG Metall), Peter Hofelich (Staatssekretär im Finanz- und Wirtschaftsministerium in Stuttgart), Dr. Anton Hofreiter (Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen) und Martin Lutz (Dress & Sommer).

Besonders beeindruckend war, dass Christiane Benner für das Konzept „Besser statt billiger“ stritt und sich damit voll für das C2C-Konzept engagierte. Auch Martin Lutz stellte dar, dass gerade im Baubereich viel passiere, um Häuser als „Materiallager“ zu begreifen und so die Rohstoffe zu erhalten.

Richard Arnold erklärte, dass gerade die Kommunen mit ihren Vorgaben durch die Rechnungshöfe immer noch Schwierigkeiten hätten, die besseren, statt die billigeren, Materialien und Produkte zu beschaffen. Da kann eigentlich nur eine andere Beschaffungsrichtlinie helfen. Diese Anregung nahm Staatssekretär Peter Hofelich auf.

Moderatorin Ines Pohl (taz) fühlte auch dem Grünen Aton Hofreiter auf den Zahn: Was müsse sich denn eigentlich politisch ändern, damit Unternehmen, die konsequent auf Cradle to Cradle setzten, nicht benachteiligt würden? Noch sind die Ansätze da nicht ausgereift, aber unsere Foren auf dem Kirchentag haben hoffentlich geholfen, die Cradle-to-Cradle-Idee zu verbreiten, auch wenn das Konzept am Nachmittag leider nicht ausführlich erklärt werden konnte.

Weltpremiere: Strom für AIDAsol aus Mega-Steckdosen

Von Monika Griefahn / Pressemitteilung

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Wenn man lange auf etwas hingearbeitet hat, und dann ist der große Tag da, das ist schon aufregend! Am 30. Mai war so ein Tag: AIDA Cruises, wo ich Direktorin für Umwelt und Gesellschaft bin, und Becker Marine Systems haben ein gemeinsames Projekt in die Realität umgesetzt. Im Hamburger Hafen hat die sogenannte LNG Hybrid Barge erstmals emissionsarmen Strom aus Flüssigerdgas (LNG-Strom) an das Schiff AIDAsol übergeben. Damit kann das Kreuzfahrtschiff seine Motoren während der Liegezeit letztlich abschalten, und der Strom wird aus Gas in fünf Blockheizkraftwerksmotoren auf einer Schute hergestellt und sichert dadurch die Energieversorgung des Schiffes. Das verringert die Emissionen erheblich. Es ist wunderbar, dieses Projekt wirklich zum Laufen gebracht zu haben, denn es ist eine Weltpremiere.

Mein Dank gilt den Ingenieuren von Becker Marine Systems. Vieles an dieser Barge war komplett neu, immer wieder brauchte es Genehmigungen, Gutachten und Erlaubnisse. Auch die Testphase war aufwändig – Tag für Tag waren die Techniker in den Wochen vor der ersten richtigen Stromversorgung am Anleger, haben Bordsysteme und Handhabung getestet, damit dann am 30. Mai auch alles klappt.

Die Barge funktioniert wie ein schwimmendes Kraftwerk. In der Gasaufbereitungsanlage wird das tiefkalte (-163°C), flüssige Gas erhitzt und anschließend zu den Generatoren weitergeleitet, die den Strom für den Schiffsbetrieb während der Liegezeit erzeugen. Die Leistung, die durch die Gasmotoren auf der Barge bereitgestellt wird, beträgt 7,5 Megawatt, also Strom wie für eine Kleinstadt.

Durch den Einsatz von Flüssigerdgas zur Energieversorgung von Schiffen wird der Emissions- und Partikelausstoß erheblich reduziert. Im Vergleich zur Nutzung von herkömmlichem Marinediesel mit 0,1 Prozent Schwefelanteil werden keine Schwefeloxide und keine Rußpartikel emittiert. Die Emission von Stickoxiden verringert sich um bis zu 80 Prozent, der Ausstoß von Kohlendioxid um 20 Prozent.

Übrigens: Wir haben schriftlich, dass wir mit der Barge etwas Besonderes verwirklicht haben. Es gab vor Kurzem für das gemeinsame, mit AIDA entwickelte Projekt den GreenTec Award 2015 in der Kategorie „Reise“ vom Deutschen Reiseverband (DRV) für Becker Marine Systems, einem echten Hamburger Unternehmen.

Holz und sonst gar nichts

Von Monika Griefahn und Petra Reinken

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Matthias Korff hatte schwer zu tragen, als er beim Seminar „Umweltpolitik und Nachhaltigkeit“ an der TU Hamburg-Harburg in den Seminarraum kam. Er hatte das Muster eines Wandquerschnitts mitgebracht – komplett aus Vollholz, so, wie er Häuser baut. Matthias Korff ist der Geschäftsführer von Deepgreen Development und hat den markanten „Woodcube“ auf der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2013 in Hamburg-Wilhelmsburg gebaut. Bis auf ganz wenige Ausnahmen ist dieses mehrstöckige Wohngebäude komplett aus Holz.

Im Seminar „Umweltpolitik und Nachhaltigkeit“ haben wir in jedem Semester externe Referenten zu Gast, die aus ihrer Arbeitswelt oder von ihrem Engagement erzählen. Sie kommen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft und schaffen genau das, was mit dem Seminar erreicht werden soll: Die Studierenden, allesamt angehende Ingenieure, bekommen einen Einblick in das Denken und Handeln anderer gesellschaftlicher Akteure.

Korff erzählte, wie er zum Holz kam. Krank sei er geworden durch Chemie in Baumaterialien. Inzwischen ist er voller Überzeugung für ein Bauen ohne Kleber, ohne Beschichtungen oder synthetische Verbundstoffe. In seinen Entwürfen lässt er nur den Baustoff Holz gelten. Den Studierenden erzählte er von seinem Besuch in einer Holzproduktion, wo Schicht um Schicht mit Leim verklebt wurde – ein Leim, dessen mehrseitige Schadstoffdeklaration ihm Angst gemacht habe. In seinen eigenen Häusern, zeigte er an dem schweren Modell, das er auf den Tresen gehievt hat, sei nichts verklebt. Die einzelnen Brettlagen hielten durch Buchenholzschrauben. Einen Naturbaustoff so zu behandeln, dass er dann zu Sondermüll werde, das nennt er zynisch.

Korff erzählte, dass es kein einfacher Weg sei, mit Vollholzhäusern sein Geld verdienen zu wollen. Allein all die Tests und Gutachten, die er zum Thema Brandschutz und Dämmeigenschaften habe nachweisen müssen. Und, dass geschafft, dann der steinige Weg in der Praxis. „Wir hatten 50.000 Besucher auf der IBA bei uns im Woodcube, und ich möchte sagen, alle waren begeistert von dem Haus. Doch dann geht einer, der so ein Haus bauen will, zum Architekten und zum Bauträger, und die kennen das alles nicht und trauen sich dann auch nicht an so ein Projekt.“

Korff will das ändern, auch deswegen hat er die Einladung in unser Seminar angenommen. Er möchte, dass mehr Berufsgruppen dem Baustoff Holz wieder mehr zutrauen und ihn so nutzen, wie es seiner Meinung nach am besten ist. Pur. Bei den Studierenden hat er jedenfalls die Aufmerksamkeit für seine Herangehensweise geweckt – und dieses „Offen sein für andere Wege“ ist ja das, was wir mit dem Seminar auch erreichen möchten. Einige der jungen Leute stehen noch nach dem Seminar um den Referenten und sein Wandmodell herum und stellen Fragen. Einer sagt, er wolle mit seinem Prof über Vollholzprojekte sprechen, ein anderer fragt Korff, ob er ihn mal kontaktieren könne, wenn er in zehn Jahren ein Haus bauen wolle.