Eine Brückentechnik in Hamburg: Landstrom am Kreuzfahrtterminal in Hamburg-Altona

Von Monika Griefahn

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Wie es so ist mit technischen Investitionen, war nach außen nicht viel zu sehen. Doch mit der Einweihung der Landstromanlage in Hamburg-Altona haben Hafenwirtschaft und Schifffahrt in der Hansestadt auf dem Weg hin zu einer sauberen Energieversorgung einen weiteren Schritt gemacht. Die AIDAsol ist das erste Schiff, das dort seit dem 30. Mai schrittweise angeschlossen wird.

Indiz dafür, wie bedeutend dieser Schritt ist, dürfte sein, dass neben Bürgermeister Olaf Scholz auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks diese Stromtankstelle am 3. Juni mit eingeweiht hat. Beide betonten die Hoffnung, dass diese Einrichtung Schule machen werde. Das Betankungssystem kann Schiffe unabhängig von der Tide versorgen und alle Frequenzleistungen, die in der Schifffahrt gefordert werden, bedienen. In dieser Art ist die Anlage die erste in Europa. Beste Voraussetzungen also, dass sich die Investitionen von rund 10 Millionen Euro, die Stadt, EU und Bund tragen, irgendwann rentieren werden.

Jetzt liegt der Ball in der Hälfte der Reeder und Schiffseigner, ihre Schiffe so auszurüsten, dass sie die Anlage benutzen können – so, wie AIDA das mit der „sol“ bereits gemacht hat. Es wird immer wieder die Frage nach der Henne und dem Ei gestellt, aber meiner Meinung nach braucht es zuerst die Infrastruktur. Ist diese vorhanden, kann man mit Fug und Recht von den Reedern verlangen, dass sie alles tun, um ihre Schiffe so sauber wie möglich zu fahren. AIDA führt diese Entwicklung in der Kreuzfahrt an.

Sobald die Erprobungsphase beendet ist – die Techniker hoffen, in vier Anläufen alles justieren zu können -, kann AIDAsol ihre Dieselmotoren während der Liegezeit im Hamburger Hafen komplett abschalten und wird dann über Land versorgt. Es ist auch ein ehrlicher Schritt, weil für die Landstromanlage Ökostrom genutzt wird. Nur so macht es schließlich Sinn.

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Für mich ist diese Landstromanlage mehr als die konkrete Versorgung des Schiffes mit Ökostrom. Das Projekt zeigt, dass wir überall  mal anfangen müssen. Technisch ist die Energiewende umsetzbar – „kein Hexenwerk“, wie Claudia Kemfert, Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), neulich sagte. Es erfordert aber den Mut von Behörden und Unternehmen, loszulegen. Sich vielleicht eine blutige Nase zu holen, das kann passieren, aber es dann beim zweiten Mal besser zu machen. Mit Zaudern jedenfalls kommen wir nicht weiter.

Gerade was meine Arbeit für AIDA angeht, stoße ich da auf wirklich mutige Leute: angefangen bei Dirk Lehmann von Becker Marine Systems, der die LNG Hybrid Barge für das Kreuzfahrtterminal in der Hafen City entwickelt hat. Über die AIDA-Verantwortlichen und –Techniker, die sich entschieden haben, voranzugehen – sowohl in der Unterstützung der Hummel (der LNG Hybrid Barge), als auch des Landstromanschlusses bis hin zur gewaltigen Investition in die direkte Versorgung mit LNG: erst im Hafen auf der AIDAprima und ihrem Schwesterschiff im nächsten Jahr, und dann auch bei der Neuentwicklung der neuen Kreuzfahrtschiffe ab 2018/19 mit der Meyer-Werft. Diese werden dann ausschließlich mit LNG betrieben! Mutig waren auch die Entscheider der Stadt und der Hafenwirtschaft, die diese Art der Energieversorgung angeboten haben. Ich schließe mich also Olaf Scholz und Barbara Hendricks an und hoffe, dass die Anlage Schule macht.

Raúl Montenegro leitet den achten RLC-Campus

Von Monika Griefahn

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Cordoba

 

Es ist ein Ort des Austausches von Wissenschaftlern und Aktivisten, die sich für Menschenrechte, Umwelt und soziale Gerechtigkeit einsetzen: Jetzt  haben wir mit der Right Livelihood Award Stiftung („Alternativer Nobelpreis“) das achte Right Livelihood College (RLC) auf dem Campus der Nationalen Universität in Cordoba (Argentinien) eröffnet. Raúl Montenegro, der den „Alternativen Nobelpreis“ 2004 für sein Engagement für die Umwelt und die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen gemeinsam mit lokalen Gruppen und Indigenen erhielt, leitet den Campus. Er ist seit 1985 Professor für Evolutionsbiologie an der Nationalen Universität von Cordoba im Fachbereich Psychologie mit 10.000 Studenten, so tatkräftig und empathisch wie am ersten Tag und voller positiver Energie für die Veränderungen zum Guten.

Die Eröffnung des RLC-Campus‘ in Cordoba stand auch unter dem Eindruck der Ermordung von Berta Cáceres aus Honduras. Die Umweltaktivistin war Anfang März von Bewaffneten in ihrem Haus erschossen worden. Verwundet wurde auch ein Mexikanischer Umweltaktivist, Gustavo Castro Soto. Als Reaktion auf dieses Attentat haben rund 50 Preisträger des „Alternativen Nobelpreises“ eine Petition an den Präsidenten von Honduras, den Parlamentspräsidenten und den obersten Gerichtshof des Landes verfasst. Darin fordern sie die Regierung auf, zu diesen Geschehnissen nicht zu schweigen. Präsident und Justiz sollen das Attentat untersuchen und aufklären, um das Leben der anderen Mitglieder von Berta Cáceres Civil Council of Popular and Indegenous Organisation (COPINH) zu schützen.

Ich habe dieses Attentat in meiner Eröffnungsrede aufgegriffen, denn es erschüttert mich, wie unsicher Menschen leben, die sich doch nur für das Gute einsetzen. Neben Berta Cáceres wurden in Brasilien im April mit Leomar Bhorbak and Vilmar Bordim auch zwei junge Aktivisten erschossen, die sich für eine Landreform eingesetzt haben. Viele Menschen – 2014 waren es in Lateinamerika 88 Verteidiger von Land- und Umweltrechten – lassen für diese elementaren Themen ihr Leben, was nur zeigt, wie hart der Kampf um natürliche Ressourcen heutzutage ist. Auch Berta Cáceres hatte sich gegen ein Staudammprojekt eingesetzt.

Ereignisse wie diese betreffen auch die Aktivisten in der Nähe von Cordoba – ganz aktuell. Viele Dörfer sind bedroht durch den Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat durch Monsanto. Ganze Gegenden werden per Flugzeug besprüht. Tiere züchten lohnt sich in Argentinien nicht mehr. Die neue Währung heißt Soja – für den Export: als Futtermittel, aber auch für die wachsende Vegetariergemeinde. Auf der Strecke bleiben Kinder, die schön früh Krankheiten haben, Grundwasser, das belastet ist. Die Uni und Raúl Montenegro helfen den Betroffenen vor Ort – ein wunderbares Beispiel, wie Universität im Dienste des Menschen handeln kann! Und es zeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns hier in Europa weiterhin gegen die weitere Zulassung von Glyphosat einsetzen.

Es ist also in jeder Hinsicht – getötete Aktivisten oder gefährliche Chemikalie – wichtig, dass wir zusammenstehen – Akademiker mit Aktivisten, Wissenschaftler mit Studenten, Bauern mit Menschenrechtlern. Genau dafür sind die Right Livelihood Colleges da: dass wir alle einen Weg finden, die Arbeit eines jeden zu unterstützen und gemeinsam reagieren zu können, wenn jemand bedroht wird. Wir hoffen, dass unsere Einbettung in die Universitäten uns einen sicheren Raum für friedvolles Arbeiten gibt. Mit der Hilfe von Raúl Montenegro wollen wir auch in Cordoba Wege dafür finden, dass die Kriminalisierung von friedlichen Menschen aufhört und wir eine kraftvolle Zivilgesellschaft auf dem Kontinent und im Brückenschlag mit Europa bekommen.

Cradle to Cradle auf der Biennale in Venedig: Inspiration für Architekten

Von Monika Griefahn

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26052016, Italien, Venedig, 15. Bienanale der Architektur, Der Hauptpavillion mit Michael Braungart

Ende Mai hat die Biennale di Venezia (noch bis zum 27.11.2016) begonnen – dort präsentieren Architekten aus der ganzen Welt ihre neuen Ansätze für den Umgang mit den Herausforderungen der Welt von heute und morgen. Dass Cradle to Cradle dabei ist, um das Konzept für den Baubereich vorzustellen, ist wunderbar. So erreichen wir mit den Architekten und Bauplanern die Menschen, die C2C in ihrer eigenen Arbeit umsetzen können. Und darum geht es doch: Dass wir vom Reden zum Handeln kommen, dass wir zeigen, dass C2C ein Konzept für die Realität ist. EPEA-Gründer und Leiter Prof. Dr. Michael Braungart stellt auf Einladung von Biennale-Direktor Alejandro Aravena das Cradle-to-Cradle-Designprinzip vor.

Die Ausstellung in Venedig inspiriert eine Bauweise, die nützlich ist, die ermuntert, positiv zu denken. Michael und sein Team wollen Gewohnheiten ein wenig durcheinander bringen zugunsten eines positiven Designs von umfassender Qualität, eines Designs das darstellt: Wir können nicht nur weniger schlecht, wir können besser. Das betrifft Aufbau und Energie, Material und Nutzung eines Gebäudes, seinen Wert als Nährstoffdepot und sein vollständiges, hochwertiges Recycling.

„Cities like forests, houses like trees“ ist das Motto, das Ziel und Anspruch für die Herangehensweise von C2C an Gebäude stellt. Anstelle des Versuchs, mit Energieeffizienz den ökologischen Fußabdruck nur zu reduzieren, will C2C Häuser nützlich und gesund für Mensch und Umwelt machen: Häuser als Materialbank, als Reiniger von Wasser und Luft, Häuser, die die Vielfalt von Kultur und Natur zelebrieren – kurzum: die einen positiven Fußabdruck hinterlassen.

Wir empfehlen allen Architekten, Planern, Bauunternehmen, Quartiersentwicklern und Investoren, beim Cradle-to-Cradle-Bereich vorbeizuschauen und sich inspirieren zu lassen. Und dann bitte nach Hause fahren und sofort beim nächsten Projekt umsetzen!

Atomausstieg – Finanzierungsempfehlung praktisch umsetzbar

Von Monika Griefahn

27.04.2016-KFK Sitzung_blog

Wenn alle schimpfen, scheinen wir etwas richtig gemacht zu haben. Die großen Energiekonzerne klagen, sie würden bis an die Grenzen ihrer Existenzfähigkeit belastet, die Umweltverbände glauben, wir sind nicht weit genug gegangen. Irgendwo dazwischen also scheinen wir in der „Atomkommission“ – der Kommission zur Überprüfung der Finanzierung des Kernenergieausstiegs – gelandet zu sein. Einen Tag nach dem 30-jährigen Gedenken an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl haben wir eine Empfehlung an die Bundesregierung vorgelegt, wie der deutsche Atomausstieg finanziert werden kann.

Ich persönlich glaube, dass wir mit unserem Beschluss, wie Ausstieg, Rückbau, Zwischen- und Endlagerung der deutschen Atomkraftwerke finanziert werden soll, einen Weg gefunden haben, der umsetzbar ist: Die Aufgaben der Zwischen- und Endlagerung werden dem Staat übertragen. Dafür sollen die Betreiber der deutschen Atomkraftwerke 23,3 Milliarden Euro in einen öffentlich-rechtlichen Fonds einzahlen. Die verbleibenden Aufgaben wie Stilllegung und Rückbau der Werke und die Verpackung des radioaktiven Abfalls zur Zwischenlagerung sind Aufgabe der Unternehmen und auch in deren Finanzverantwortung.

Zur offiziellen Pressemitteilung

Die großen Energiekonzerne befinden sich in der schwierigen Lage des Umbaus von den fossilen hin zu den erneuerbaren Energien. Dass das besser hätte laufen können, dass ihnen dabei lange Jahre die Weitsicht gefehlt hat – geschenkt. Sie jetzt so sehr zu belasten, dass sie pleitegehen, hilft niemandem. Dann müsste der Staat die gesamte Last tragen. Gleichwohl wollten wir die Konzerne nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, sie haben sehr lange Jahre auch hervorragend verdient. Darum halte ich unseren Vorschlag an die Bundesregierung für einen guten, und vor allem praktisch umsetzbaren Weg, die Atomkraftwerke abzuwickeln.

Unsere Empfehlungen gehen jetzt an die Bundesregierung, die im parlamentarischen Prozess daraus ein Gesetz machen muss. Die Chancen, dass sie dabei 100 Prozent umgesetzt werden, sind sehr hoch, da unser Beschluss einstimmig war. Das ist aus meiner Sicht ein bemerkenswertes Ergebnis – einige Extrasitzungen waren nötig, um das zu schaffen. Denn nun wird die Empfehlung getragen von allen Parteien, und die Gefahr, dass nach Wahlen eine vielleicht neu zusammengesetzte Bundesregierung alles wieder aufbricht, sind damit gering.

Als jemand, der schon vor fast 40 Jahren gegen Atomenergie auf die Straße gegangen ist, bin ich froh: Sicher, die lange Zeit der Umsetzung liegt noch vor uns. Aber endlich ist ein Ende in Sicht. Da sag nochmal einer, Hartnäckigkeit und politisches Engagement würden sich nicht lohnen!

Zur Zusammenfassung der Kommissionsempfehlung

Ausgezeichnete Filme: Von Tomaten, Tierfilmern, der Pubertät und mehr

Von Monika Griefahn

Wenn es ein Ehrenamt gibt, das immer wieder neu inspirieren kann (neben dem Vorsitz vom „Alternativen Nobelpreis“ und vom Cradle to Cradle e.V.), dann ist es das der Juryvorsitzenden beim Festival des Umwelt- und Naturfilms – kurz „Ökofilmtour“ oder FÖN. Mir hat auch diese neulogooekofilmtourkleinnte Preisverleihung in dieser Funktion große Freude gemacht. Gerade mit fachkundigen Jurymitgliedern zu einem einvernehmlichen Ergebnis zu kommen, ist ein großes Geschenk. Die Jury bestand noch aus Michael Beier von der Heinz-Sielmann-Stiftung, der Filmwissenschaftlerin Dr. Bärbel Dalichow, Cordine Lippert (Projektleiterin Klimaschutz der Landeshauptstadt Potsdam) und Annette Scheurich, die 2015 den Kinder- und Jugendfilm-Preis bekommen hat.

Ich freue mich schon jetzt auf das zehnjährige Bestehen im kommenden Jahr, wenn es heißt: Auswählen zwischen rund 40-50 nominierten Filmen über Umweltschutz, Ökologie, Gesundheit und viele verwandte Themen bei der Ökofilmtour 2017.

An dieser Stelle aber möchte ich kurz die Gewinner dieses Jahres vorstellen und auch, warum wir uns für diese Produktionen entschieden haben.

 

„Das Achental – auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft“

Zukunftsfilmpreis der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

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Begründung der Jury:

Das Hofsterben, die Landflucht erschreckend vieler junger Leute aus den Dörfern, der Rückgang des regionalen Tourismus, all diese Probleme, die auch das ländliche Brandenburg hat, waren in den 1990er Jahren im bayerischen Achental aktuell. In die Reihe der Preisträger aber schaffte es dieser Film, weil er nachhaltigen Optimismus erzeugt. Der Elan der daheimgebliebenen jungen Leute, initiiert durch ideenreiche und kämpferische Visionäre, wirkte ansteckend, so dass das Achental 15 Jahre später zur europäischen „Modellregion“ wurde. Eine Erfolgsgeschichte durch die Gemeinschaft der Produzenten, die sich autark durch regenerative Energien, touristisch und auf Wochenmärkten präsentiert. Das Foto zeigt: Lorenz Knauer (M., Autor), Stefanie Schulze (r., Pressesprecherin der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde)

 

„Amerikas Naturwunder – das Abenteuer“

Horst-Stern-Preis für den besten Naturfilm von der Stiftung „NaturSchutzFonds Brandenburg“

Begründung der Jury:

Tiere und Natur sehen wir in vielen Filmen, das liegt nun mal im Wesen eines Festivals des Umwelt- und Naturfilms. Die Tier- und Naturfilmer selbst hingegen begegnen uns auf Leinwänden oder Bildschirmen viel seltener. Deshalb zeichnen wir diesen Film, dieses Making Off, mit dem Preis für den besten Naturfilm aus, um das Engagement, auch das Durchhaltevermögen dieser Menschen stellvertretend für alle Naturfilmer zu würdigen. Zumal Humor und Komik diesen Film auszeichnen, ein Merkmal, das nicht viele Filme für sich beanspruchen können. Gewürdigt werden soll auch die Musikdramaturgie, die mal untermalt, mal kommentiert und mal witzig-hintersinnig pointiert. Aus dem vielen, so ganz nebenbei gedrehten Material ist ein besonderer Film geworden, der diese Auszeichnung im Sinne von Horst Stern verdient hat.

 

„Der Triumph der Tomate“

Kinder- und Jugendfilmpreis der Heinz Sielmann Stiftung

Begründung der Jury:

IMG_8594_klMit sinnlichen Bildern erzählt dieser Film die Geschichte eines Nachtschatten-
gewächses, das vor rund 500 Jahren als blässliches „Tomati“ von Südamerika nach Europa verpflanzt wurde und dort zunächst im Ziergarten landete. Heute ist die Tomate von Spanien bis China vom Speiseplan nicht mehr wegzudenken und die Lust, mit der Menschen wie Joe Cocker sich der Tomate verschrieben haben, erzählt mit barocker Farbenpracht so nebenbei auch viel von der Lust am Leben. Denn der Erhalt der biologischen Vielfalt betrifft eben nicht nur die Tomaten. Das wird Jugendlichen und Kindern, die sie vielleicht nur als Ketchup wahrnehmen, sehr sinnlich erzählt. Das Foto zeigt: Maria Magdalena Koller (M., Autorin), Michael Beier (Vorstand der Heinz Sielmann Stiftung).

 

„Die Lüge vom Netzausbau – Stromtrassen für die Kohlewirtschaft“ und „Schlank durch Schokolade“

Hoimar-von-Ditfurth-Preis der Deutschen Umwelthilfe

Begründungen der Jury:

„Die Lüge vom Netzausbau“ entspricht voll und ganz der Tradition der Ökofilmtour, die immer wieder Beiträge eines guten investigativen Journalismus präsentiert und Lügen eines Lobbyismus entlarvt, die von Konzernspitzen und Spitzenpolitikern in Bund und Ländern verbreitet wurden. Hier ist es die Lüge eines alternativlosen Netzausbaus, weil angeblich die saubere regenerative Energie in Deutschland von Nord nach Süd transportiert werden muss. Der Film legt aber offen, dass zumindest zwei der drei Stromtrassen in Wahrheit für die Kohle-Industrie gebaut und subventioniert werden. Eine „Brückentechnologie“, die den Steuerzahler Milliarden kostet. Und daher als notwendiger Beitrag zur Energiewende erfunden wurde.

IMG_8584_kl„Schlank durch Schokolade“ entlarvt auf witzige Weise die Macht des Marketings. In einer sogenannten „wissenschaftlichen Studie“, die den Regeln des Geschäftes folgend aber ganz und gar unwissenschaftlich daherkommt und teils vor unseren Augen manipuliert wurde, wird die Behauptung in den Raum gestellt, dass viel Schokolade nicht nur nicht dick macht, sondern gar als Schlankmacher taugt. Und es gelingt den Machern dieses Films, dass diese These in die Schlagzeilen der Presse und schließlich wie im Selbstlauf weltweit in die Nachrichten der Medien gelangt. Gewürdigt wird mit diesem Preis auch der investigative Mut der Redaktion ZDF Arte und der ZDF-Reihe „planet e“, mit dieser absurden Diätstudie Front gegen unlauteres Marketing zu machen. Das Foto zeigt: Monika Griefahn (Juryvorsitzende), Steffen Bayer (Stellv. des Redaktionsleiters Planet e) , Wolfram Giese (Produzent), Prof. Dr. Harald Kächele (Vorsitzender der Deutschen Umwelthilfe).

 

„Alienation“

Preis der Stadt Potsdam für die beste künstlerische Leistung

Begründung der Jury:

Dass das Gehirn während der Pubertät einer Großbaustelle gleicht, ist hinlänglich bekannt. Dieser Film aber bringt nicht nur das typische Reden der Jugendlichen einfühlsam zu Gehör, sondern er macht in ebenso skurrilen wie komischen Figuren anschaulich, wie fremd die jungen Menschen sich sind, sich selbst manchmal sehen – als Aliens eben. Ein sehr witziger Hilferuf, auch da Toleranz zu üben, wo die Wut, hier der betroffenen Eltern und Geschwister, manchmal überzukochen droht. Im übertragenen Sinne ist auch das eine Form des Klimaschutzes. Zum einen ist das Klima in der Familie, in der Schule oder unter Freunden ist schließlich auch ein Teil unserer sozialen Umwelt. Zum Anderen bedeutet Verständnis für andere Positionen aufbringen zu können, diese zu verstehen, einen ersten Schritt hin zu Gemeinsamen – wenn das auch dem Klimaschutz gelingt steigen die Möglichkeiten für seinen Erfolg!

Weitere Informationen über die Ökofilmtour gibt es hier

Die Energiewende – Operation am offenen Herzen

Von Petra Reinken

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„Es ist eine Operation am offenen Herzen“ – so bezeichnete Energie-Expertin Claudia Kemfert die Energiewende, als sie im Seminar „Umweltpolitik und Nachhaltigkeit“ von Monika Griefahn an der TU Hamburg-Harburg als Rednerin zu Gast war. Das Seminar war für diesen prominenten Gast hochschulweit geöffnet worden, und zwischen den rund 100 Zuhörern und der Referentin entwickelte sich eine teils hitzige Debatte. Das mag zeigen, wie schwierig diese Operation am offenen Herzen ist.

Gemeint hatte Kemfert Folgendes: Die Energiewende sei „technisch keine Hexerei“, es brauche aber noch den Markt für die neuen Angebote, da das alte System der Energieversorgung und deren Akteure nach wie vor existierten. Denn – das hat auch schon Hermann Scheer in seinem Buch „Der energet(h)ische Imperativ“ sehr deutlich gemacht – die Energiewende ist nichts weniger als ein System-Umsturz. Alte Machtstrukturen werden aufgebrochen, Machtgefüge verschieben sich. Wer jahrzehntelang fest im Sattel saß, fühlt sich nun bedroht. Kein Wunder, dass es Gegner der Erneuerbaren gibt.

Langsam aber komme Dynamik in den Markt, der mit dem langen Weg zum Atomausstieg angefangen habe, sich zu verändern. Das, was Großkonzerne jetzt tun – ihr Geschäft aufspalten, politische Lobbyarbeit und ähnliches -, bezeichnete Kemfert als „Rückzugsgefechte“. Fakt sei: „Wir haben derzeit massive Überkapazitäten, exportieren so viel Strom wie noch nie.“

Den Stromüberschuss hätten wir, weil die konventionellen Energien des alten Systems – namentlich die Kohlekraftwerke – nicht heruntergefahren würden. Mit dieser politischen Entscheidung geht Kemfert hart ins Gericht. Acht Kohlekraftwerke sind unter dem Mantel der Versorgungssicherheit in eine sogenannte „Klimareserve“ überführt worden. Sie laufen weiter, die Betreiber erhalten dafür Geld. Kemfert: „Ohne den Kohlestrom würden die Preise sich stabilisieren und die Emissionen gingen zurück.“ Bedauerlich sei, schreibt sie in einem Artikel, dass „der Strukturwandel hin zu einer nachhaltigen Energiewende mit dieser Maßnahme nicht gefördert, sondern eher behindert wird.“

Der Markt werde dennoch perspektivisch dezentraler, und die Frage der lückenlosen Versorgungssicherheit über 24 Stunden am Tag führe zu einem neuen Marktdesign. Das beinhalte zum Beispiel Preisschwankungen in Zeiten hoher und niedriger Stromproduktion und die Frage der Speicherkapazitäten.

Den Netzausbau mit großen Leitungen von Norden nach Süden, der derzeit stockt, sieht sie gar nicht als Engpass für die Stromversorgung. „Wir haben einige Netze ausgebaut, die können noch optimiert werden“, schlägt die Energie-Expertin vor. Sie finde es „interessant“, dass die großen geplanten Stromtrassen an den Kohlerevieren vorbeiliefen. Wenn Bayern und Baden-Württemberg übergangsweise Gaskraftwerke hinzubauen oder zumindest nicht stilllegen würden, wäre das sinnvoller als auf die langen Leitungen zu warten. Nur, wenn wir Kohle- und Erneuerbare parallel laufen lassen, dann wären die geplanten Leitungen nötig, meint Kemfert, die aber genau das nicht für richtig hält. Für sie steht fest: „Der Kohleausstieg ist das A und O für eine gelungene Energiewende. Nötig sind dezentrale Verteilnetze, keine Monsterleitungen.“

Atomkraft nein danke! Das gilt mehr denn je

Von Monika Griefahn

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Fünf Jahre Fukushima, 30 Jahre Tschernobyl. Es sind traurige Jahrestage, die wir im Moment „feiern“. Die Situation an den beiden Orten ist auch heute nicht viel besser als zum Zeitpunkt des jeweiligen Unfalls. Menschen können noch immer nicht zurück in ihre Häuser, der Boden ist weiterhin nicht zu bewirtschaften, die Ruinen der Atomkraftwerke müssen durch aufwändige Konstruktionen gesichert werden. Naoto Kan, der zum Zeitpunkt des Unfalls Ministerpräsident von Japan war, wurde durch die Katastrophe von Fukushima zum überzeugten Atomkraftgegner. Ende März besuchte er die Hansestadt Hamburg.

Er forderte die Stadt auf, den Hafen für Atomtransporte zu schließen, wie es auch schon Bremen gemacht hat. Das kleine Bundesland hatte 2012 seine Häfen für den Umschlag von Kernbrennstoffen gesperrt, sich damit allerdings eine Klage vor dem Verwaltungsgericht eingehandelt.

Denn, so Kan bei einer Sonderveranstaltung des Festivals „Lesen ohne Atomstrom“ im Völkerkundemuseum in Hamburg, Unfälle könnten nur vermieden werden, wenn alle AKW stillgelegt würden und der Nachschub an Brennmaterial und ähnliches nicht mehr gewährleistet sei. Bewegend berichtete er, dass zwar 70 Prozent der Bevölkerung gegen Atomkraft seien, aber vom „Atomdorf“ – so nennt man das Konglomerat aus Atomindustrie und Regierung – der Wiedereinstieg in die Atomkraft betrieben würde. Zwar laufen zurzeit erst zwei der 54 abgeschalteten Reaktoren in 17 Atomkraftwerken in Japan wieder, aber das „Atomdorf“ mache Druck – und spalte ganze Familien. So arbeiten viele Männer in der Atomindustrie und müssen für ihren Job in den verstrahlten Regionen leben. Die Frauen und Kinder aber ziehen aus Sicherheitsgründen und Angst weg, nur die Alten bleiben.

Dennoch ist Kan nach wie vor ein recht einsamer Rufer in Japan. Immerhin hat er in seiner Amtszeit noch einen EEG (Energieeinspeisegesetz für erneuerbare Energien) durchgesetzt. Und immerhin kommen dadurch schon zehn Prozent der Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen. Und immerhin gibt ab April einen liberalisierten Strommarkt in seinem Land, der es dann auch Privatleuten oder Genossenschaften ermöglicht, Strom ins Netz einzuspeisen. Dann haben dort auch Bürger die Möglichkeit, die Energiewende mitzugestalten, wie es in Deutschland zum Beispiel Energiegenossenschaften in Bürgerhand tun. Die Bürger-Solarkraftwerke eG in meinem Heimatlandkreis ist so eine. In Japan war das bis dahin der Mammutfirma Tepco vorbehalten. Aber es ist dennoch ein zäher Kampf, den Kan auf sich genommen hat.

Ich durfte nach dem Vortrag, den Kan in Hamburg hielt, ein Gespräch mit ihm führen und fragte ihn zum Schluss, ob es in seiner Familie auch Spaltungen wegen der Einstellung zur Atomkraft gegeben habe. Und die gute Nachricht ist: „Meine Familie hält zu mir, und besonders meine Frau, die mich unterstützt, wo sie kann.“

Nepal grün machen

Von Monika Griefahn

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Weil man gemeinsam stärker ist, haben sich jetzt mehrere Träger des Right Livelihood Awards (RLA, „Alternativer Nobelpreis“) in Kathmandu (Nepal) zu einer Seminarwoche getroffen, um Shrikrishna Upadhyay von Sappros-Nepal und Partner zu unterstützen. Seine neue Initiative: Nepal grün machen. Upadhyay hat die Auszeichnung im Jahr 2010 erhalten. Preisträger aus China, Japan und Indien waren gekommen, beziehungsweise per Skype zugeschaltet, um ihr Know-how mit den Aktivisten aus Nepal zu teilen. Auch für uns vom RLA-Vorstand war die Woche lehrreich und – wie so oft – inspirierend, das Land kennenzulernen und die Menschen, die sich trotz aller Widrigkeiten für eine nachhaltigere Welt engagieren.

Die Initiative „Make Nepal Green“ entstand nach dem verheerenden Erdbeben im April 2015. Der Druck zur Erneuerung ist in Nepal groß: Nach wie vor gibt es noch viel zu tun beim Wiederaufbau 2016-02-21 10.26.44_blogdes Landes. Es herrscht in weiten Teilen Wassermangel, und selbst Tempel sind zerstört und müssen wiederaufgebaut werden. Da stimmt es wirklich positiv, dass wir eine große Offenheit spürten gegenüber erneuerbaren Energien, ökologischem Landbau und lokaler Partizipation an Entscheidungen. Die internationalen Preisträger vor Ort zu haben, verleiht der Initiative mehr Gehör, damit möglichst viele ihrer Ideen und Vorstellungen in den Wiederaufbau und in die Zukunft Nepals einfließen können. Gleichzeitig konnte jeder direkt vom Know-how des andern profitieren.

Bezüglich des Themas erneuerbare Energien war es zum Beispiel hervorragend, dass mit Huang Ming aus China ein Solar-Visionär anwesend war, wie es hierzulande der viel zu früh verstorbene Hermann Scheer gewesen ist. Ming erhielt den „Alternativen Nobelpreis“ im Jahr 2011 dafür, Hightech-Solaranlagen für die Masse attraktiv gemacht zu haben. Der Unternehmer sparte nicht mit markigen Worten: „Bei der Klima-Konferenz in Paris habe ich gesagt, dass ich mich in den letzten 21 Jahren auf China konzentriert habe. Jetzt habe ich für die nächsten 21 Jahre die Welt im Blick. Ich will die Ärmsten der Armen mit Solarenergie ausstatten und mich hier auf den Norden Nepals konzentrieren“, sagte Ming, der sich selbst als „verrückten Solartypen“ bezeichnete. Er stellt außerdem fest: „Solarenergie ist praktisch. Sie ist nicht nur für die Reichen da oder für die Mittelklasse. Sie ist auch für die Armen. Für jeden.“

Insgesamt hoffen wir von der Right Livelihood Award Foundation, einen „Make Nepal Green Fund“ auf den Weg bringen zu können. Mit dem Geld versuchen wir dann, das, was viele kleine Initiativen des Landes schon im Bereich erneuerbare Energien, Ökolandbau oder Ökotourismus tun, auf das ganze Land zu übertragen. Wir haben bei unserer Reise schon viele Kontakte mit Politikern, Banken, Diplomaten und Aktivisten geknüpft und wollen den Dialog fortsetzen. Wir wollen den Entscheidungsträgern in Nepal mit Hilfe unserer wunderbaren Preisträger zeigen, was alles möglich ist, wenn man nur will. Perfekt wäre, wenn Nepals Premierminister einmal das Unternehmen von Huang Ming anschauen würde – der Mann überzeugt jeden!

Beirat des Cradle to Cradle e.V. besucht die „Biofach“

Von Monika Griefahn

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Da haben wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Der Beirat des Cradle to Cradle e.V. traf sich zu einer konstruktiven Arbeitssitzung, und gleichzeitig konnten wir uns auf der Messe „Biofach“ in Nürnberg von vielen großartigen Initiativen und Unternehmen aus dem Bereich der Biolebensmittel ein Bild machen! Die Biofach gilt als die Leitmesse für Biolebensmittel und existiert seit mehr als 25 Jahren.

Wir trafen auf der Messe auch unser neues Beiratsmitglied Ulrich Walter am beeindruckenden Stand von Lebensbaum. Daneben führte unser Rundgang uns unter anderem zu Gesprächen mit Volker Krause (Bohlsener Mühle), Stefan Voelkel (Voelkel Getränke) und Günter Scheinkönig, Geschäftsführer der Erdal-Rex GmbH am Stand von Werner & Mertz beziehungsweise der Marke Frosch. Werner & Mertz zeichnen sich durch eine langjährige Beschäftigung mit dem Umweltgedanken aus und arbeiten auch daran, die Prinzipien des Cradle-to-Cradle-Designkonzepts in ihrem Unternehmen umzusetzen. Sichtbares Zeichen dieses Bekenntnisses zum Handeln war auf der Messe das riesige „C2C“-Logo, das über dem Stand hing.

Ich persönlich habe mich auch sehr über die Präsenz von Sekem gefreut, da ich mit dieser Organisation seit langen Jahren eng verbunden bin. Sekem, eine Initiative aus der Nähe von Kairo, hat Teile der Wüste urbar gemacht, gibt tausenden Menschen Bildung und Arbeit, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Verteilung von Pestiziden per Flugzeug in Ägypten eingestellt wurde und gehört zu den wichtigsten Herstellern von diversen biologischen Lebensmitteln im Land. Auch hier in Bioläden sind Produkte aus Sekem erhältlich – meine Mitarbeiterin schwärmt beispielsweise immer von den leckeren Datteln mit einem feinen Überzug aus Zartbitterschokolade!

Aber insgesamt war ich – waren wir – beeindruckt, wie diese größte Messe in Europa für Biolebensmittel und –kosmetika gewachsen ist und sich weiterentwickelt hat. Der Trend geht in die richtige Richtung, das stimmt optimistisch. Was gibt es auf der Biofach nicht alles: Äpfel in Sorten, die auszusterben drohen, veganes Eis in den Geschmacksrichtungen Himbeer und Schoko oder Mischungen aus beiden. Es gibt geangelten Fisch und liebevoll gefertigte Aufbackpizza.

Bio existiert also längst auch für den „modernen“ Menschen, der keine Zeit hat, selbst zu kochen. Wobei: Für mich macht Kochen ja erst ein richtiges Essen aus: frische Zutaten schnipseln – am besten mit Freunden oder Familie –, diese zubereiten und sie dann gemeinsam verspeisen. Ist das nicht das eigentliche Erlebnis? Aber zugegeben: Unser Alltag ist wie er ist, und da ist es auch gut, die schnelle Küche in gesunder Form bekommen zu können. Hauptsache, die Lebensmittelproduktion achtet die Tiere, kümmert sich um starke Böden und gesunde Luft.

Olaf Schwencke – ein Mann mit Herz für Europa und die Kultur

Von Monika GriefahnBei der Buchvorstellung.

 

Olaf Schwencke war Europa immer wichtig, solange ich ihn kenne. Und Kultur war ihm immer wichtig! Wenn es nicht ein kulturelles Projekt Europa gibt, dann bricht alles auseinander – so sein Plädoyer. Europa existiere nicht ohne ethische Grundlage, aber auch die Region sei ein wichtiger Faktor für Europa. Eine größere Krise gab es da bereits 2005, als Frankreich und die Niederlande in Volksentscheiden die neue Verfassung Europas abgelehnt haben. Der Lissabon-Vertrag brachte eine Korrektur, doch heute scheint dieses (kulturelle) Projekt Europa gefährdeter denn je.

Dieses und viele weitere europäische und bundesdeutsche Hintergründe und Geschichten erzählt Olaf Schwenke in seinem Buch Europa. Kultur. Politik. Die kulturelle Dimension im Unionsprozess“, das kürzlich von Thorsten Schäfer Gümbel, Vorsitzender des Kulturforums der Sozialdemokratie, und dem Bundestagsabgeordneten Axel Schäfer im Willy-Brandt-Haus in Berlin vorgestellt wurde. Es ist eine spannende Textsammlung über die letzten 70 Jahre ohne Krieg in Europa, mit Zeitzeugen aus Deutschland und Gedanken an die über 60 Loccumer Kulturpolitischen Kolloquien in Kooperation mit der Kulturpolitischen Gesellschaft in Bonn, dessen Gründungspräsident Schwencke war und die er von 1976 für zwei Jahrzehnte geleitet hat.

Vieles aus dem Leben Schwenckes, der Bundestags- und Europa-Abgeordneter war, der als Studienleiter an der Evangelischen Akademie Loccum arbeitete, der Professor und Doktorvater vieler (so auch meiner) kultur- und europapolitischen Dissertationen war, kann man in dem Buch nachlesen. Die Diskussion zu den Texten hat in der Veranstaltung lebendig deutlich gemacht, wie vielfältig das Leben von Olaf Schwencke ist! Denn nicht nur Europa und Kultur beschäftigt ihn, sondern auch Umwelt und Partizipation. Als Wegbegleiter von Robert Jungk hat er die kritische Atomdebatte aber auch das positive Konzept von Zukunftswerkstätten begleitet. Und immerhin hat er vor seinem Studium der Germanistik, Theologie, Soziologie und Pädagogik eine grundsolide Ausbildung als Schiffsmaschinenschlosser gemacht, um seinen Jugendtraum zu erfüllen, zur See zu fahren!

Nun wird Olaf Schwencke 80 Jahre alt. Ich sage herzlichen Glückwunsch und wünsche ihm, dass er noch lange auf seinen geliebten Wanderwegen tippeln kann. Wir feiern ihn am 29. Januar von 15 bis 19 Uhr im Willy-Brandt-Haus mit der Veranstaltung „Kulturpolitik als Demokratiepolitik“. Darin wird es einen Blick auf die Kulturpolitik der vergangenen Jahrzehnte geben, und mit der Diskussion darüber, ob wir die Neue Kulturpolitik noch brauchen, auch einen Blick nach vorn. Ich bin außerdem schon sehr gespannt auf die Laudatio, die Wolfgang Thierse halten wird.

Das Foto zeigt: (v.l.) Axel Schäfer, Thorsten Schäfer Gümbel und Olaf Schwencke bei der Buchvorstellung.

Das Programm mit dem Link zur Anmeldung (bis 27.1.2016): Kulturpolitik als Demokratiepolitik