Grüne Zukunft für Kasachstan?

Von Monika Griefahn

Kasachstan steht in europäischen Augen nicht immer gerade im Mittepunkt. Kann die derzeit in Astana laufende EXPO das ändern?

Ja, man hat vielleicht in Europa schon einmal etwas von dem Langzeitherrscher Nursultan Nasarbajew gehört, vom politischen Zentralismus in Kasachstan. Aber haben sich Europäer bislang für die EXPO 2017 interessiert – in der neu erbauten Hauptstadt Astana „in the middle of nowhere“? (Eine Stadt, die nicht sehr ökologisch erscheint mit ihren Riesenautobahnen und Betonhochhäusern, die mit Klimaanlagen statt Fenstern ausgerüstet sind).

Und überhaupt: Was wissen wir über die Kasachen, außer, dass es eine Menge Rohstoffe hat, die die Welt interessieren? Dabei gibt es eine Menge Interessantes: zum Beispiel, dass der Präsident versucht, sich quasi „neutral“ zwischen Russland und den anderen asiatischen Mächten auszutarieren. Dass die jungen Leute von Anfang an drei Sprachen lernen, kasachisch, russisch und englisch. Dass der Präsident viel Wert auf eine gute Bildung seiner Landeskinder legt und die Kooperation mit dem europäischen Erasmus-Programm sehr unterstützt. Das Programm gibt jungen Kasachen die Möglichkeit, ein Semester in einer europäischen Universität zu studieren. Und dass viele, auch junge Kasachen ein wenig Angst davor haben, was nach Nasarbajew kommt – immerhin ist er schon seit 26 Jahren im Amt und bereits weit über 70.

Und nun schlägt das Land mit der EXPO 2017 Future Energy Forum einen weiteren Pflock ein. Es geht um „grüne“ Themen: Der kasachische Pavillon präsentiert eine Leistungsschau aller erneuerbaren Energien von Wind über Wasser und Solar bis hin zu Geothermie und Biomasse (interessanterweise ohne Atomenergie, obwohl die in Kasachstan auch zu den Erneuerbaren zählt). Ferner gibt es einen Pavillon mit „best practices worldwide“ und neben vielen anderen auch einen sehr gut besuchten und interaktiven deutschen Pavillon. Abgerundet wird die Weltschau durch ein munteres Kulturprogramm, das die Leute auf den EXPO-Campus treibt, zum Beispiel zum dem Jugendschwarm DJ David Guetta. Als der seine Elektropopplatten auflegte, strömten Familien mit Kinderwagen und Kegel in den lauen Sommerabend.

Daneben organisierte die EXPO-Leitung eine Serie von zwölf Konferenzen mit Experten aus aller Welt zu Themen wie „Energie für alle“, „Erneuerbare Energien und Lebensqualität“, „Dekarbonisierungstechnologien“ oder auch „Internationale Wirtschafts- und Umweltschutzpolitk“.

Das kommt nicht von ungefähr, denn Kasachstan hat sich zum Ziel gesetzt, im Jahre 2050 seinen eigenen Energiebedarf zu 50 Prozent aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Dabei stoßt das Land auf besondere Herausforderungen. Ich kann mir zum Beispiel schwer vorstellen, dass es eine große Zahl von Elektroautos geben wird bei Klimabedingungen von 40 Grad minus im Winter und 40 Grad plus im Sommer. Man denke nur daran, wie schnell sich Batterien bei extremen Temperaturen entladen.

Ich war eingeladen, auf einer der Konferenzen zu sprechen. Die Idee, die am besten ankam und sogar von dem größten Bauunternehmen aus Kasachstan zur Prüfung mitgenommen wurde, war, Solaranlagen zu vermieten, statt sie kaufen zu müssen. Bislang nämlich scheint die Solarwende zu stocken, da die Anlagen für die meisten Bauherren zu teuer sind. Bei Durchschnittgehältern der Mittelklasse – Lehrer, Ärzte, Ingenieure – von rund 500 US-Dollar fehlt das Geld für die Anfangsinvestition zumeist. Die Anlagen von Investoren bauen zu lassen und sie dann zu mieten, ist ein Vorschlag, der natürlich aus der Ideenwelt von Cradle to Cradle stammt und dazu dienen soll, dass
•    a. die besten Materialien genutzt werden,
•    b. die Anlagen auch wirklich so lange halten, wie die Hersteller versprechen und
•    c. dann tatsächlich die Rohstoffe zurückgewonnen werden können.

Denn wenn Hersteller die Anlage nach der Mietzeit zurückbekommen, haben sie selbst ein Interesse daran, nur gute Materialien verbaut zu haben.

Ansonsten ging es in einer weiteren Diskussionsrunde auch um die Rolle von NGOs beim Versuch, Politik und Gesellschaft zu verändern. Es gibt einige Nichtregierungsorganisationen in Kasachstan, die auch sehr erfolgreich waren. Eine der bekanntesten dürfte die Antiatomwaffenbewegung Nevada-Semipalatinsk sein, die in Semipalatinsk einen Stopp von Atomwaffentests durchsetzen konnte. Allerdings waren NGOs nicht auf der Konferenz, was die Diskussion ein wenig theoretisch machte.

Mitgenommen habe ich selbst von meiner Reise, dass die Kasachen und insbesondere die Frauen sehr interessiert, aufgeschlossen, gut ausgebildet und freundlich sind und wirklich ein Interesse haben, Zukunft zu gestalten. Ich bin gespannt, wie die politische Entwicklung weitergeht. Immerhin hat die Tochter des Präsidenten schon einmal darauf gedrungen, die präsidentielle Demokratie in eine parlamentarische zu transformieren.

Privat oder Staat – so kann Entwicklungshilfe aussehen

Von Monika Griefahn / Foto: Mercy Ships

The Africa Mercy as the sun sets over the port of Cotonou, Benin 2017.

Im Gedächtnis geblieben ist der G20-Gipfel im Juli in Hamburg maßgeblich durch heftige, zerstörerische Ausschreitungen von G20-Gegnern. Dass abgeschirmt von der Gewalt die zusammengekommenen Politiker aber tatsächlich Vereinbarungen getroffen haben, ist weitgehend untergegangen. Grund genug, das Augenmerk gerade darauf zu legen.

Nehmen wir Afrika: Um Ungleichheiten von Gesellschaften und Lebensstandards auf der Welt zu verringern, haben die G20-Staaten eine Afrika-Partnerschaft gegründet. Es soll „nachhaltiges, inklusives Wirtschaftswachstum“ auf dem Kontinent ermöglichen. Vor allem für Frauen und Jugendliche sollen menschenwürdige Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden. Armut und Ungleichheiten als Ursache von Migration will die Gruppe bekämpfen. Im Abschlusskommuniqué ist von einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“ die Rede, vom privatwirtschaftlichen Sektor, von verbesserten Rahmenbedingungen für Investitionen, von nachhaltiger Infrastruktur, sogar von Unterstützung im Bildungsbereich.

Es ist also mehr oder weniger von Wirtschaftsthemen die Rede – und geht man davon aus, dass Investitionen und die Förderung von Unternehmen tatsächlich zum Wohlstand beitragen, mag das nachvollziehbar sein. Allein, die Erfahrung zeigt, wie oft nur einige wenige profitieren. Bleibt zu hoffen, dass „nachhaltiges Wirtschaftswachstum“ im Abschlusskommuniqué auch wirklich ein Wachstum meint, das ökologisch vertretbar ist und soziale Belange – gerechte Löhne, Mitbestimmung, humane Arbeitszeiten – berücksichtigt.

Was gar nicht in dem Abschlussdokument vorkommt, ist die Frage der Gesundheitsversorgung. Sie, die in den afrikanischen Ländern generell auf vergleichsweise niedrigem Niveau ist, ist offenbar den gemeinnützigen Organisationen und dem Ehrenamt überlassen. Wir können das bedauern, oder wir können uns engagieren.

Ein Projekt, das ich in dieser Hinsicht lobenswert finde, ich Mercy Ships. Diese Nichtregierungsorganisation (NGO) will den Zugang zur medizinischen Grundversorgung in Entwicklungsländern verbessern. Die Africa Mercy ist ein Lazarettschiff, hat aber mit dem Militär nichts zu tun. Das Besondere: Die gesamte, mehr als 400 Helfer starke Besatzung ist ehrenamtlich tätig. Auf dem Schiff arbeiten Ärzte und Zahnärzte, die in akuten Situationen helfen können, aber auch Operationen durchführen, die es vor Ort nicht gibt. Wichtig ist, dass sich auch Ehrenamtliche melden, die andere Qualifikationen haben (wie zum Beispiel gerade ein Maschineningenieur der Costa-Kreuzfahrtgruppe). Außerdem arbeitet die NGO mit Regierungen zusammen, um das lokale Gesundheitssystem zu verbessern. Auch dafür braucht es Spenden.

Was wir bei beiden „Projekten“, der privaten Hilfe und den staatlichen Bündnissen, in der Praxis nicht vergessen sollten, ist die Augenhöhe. Vermutlich sind schon viele Entwicklungshilfemaßnahmen daran gescheitert, dass lokale Kulturen nicht berücksichtigt, besondere Traditionen nicht erkannt und spezifisches Verhalten nicht verstanden wurde. Wenn wir eines in den vergangenen Jahrzehnten der Entwicklungshilfe gelernt haben sollten, dann, diesen Fehler nicht mehr zu machen. Alle  Kulturen benötigen jeweils individuelle Lösungen.

Mehr zu Mercy Ships
Das G20-Abschlusskommuniqué

Studie: Gehen Naturschutz und Energiewende zusammen?

Von Petra Reinken

Windräder an der Nordseeküste

Die gute Nachricht ist: Wir schaffen das. Christina von Haaren vom Institut für Umweltplanung der Universität Hannover arbeitet mit ihrem Team und im Auftrag des Bundesumweltministeriums gerade an einer Studie, die klären soll, ob wir bis 2050 eine naturverträgliche Energiewende hinbekommen. Also: Können die Ziele der Energiewende und die Ziele des Naturschutzes miteinander verbunden werden?

Und die Forschung sagt kurz vor Abschluss der Untersuchungen: Ja, das geht.

Fritz Brickwedde vom Bundesverband Erneuerbare Energien, der bei der Vorstellung der ersten Studienergebnisse in Berlin neben der Forscherin auf dem Podium saß, schüttelte aber den Kopf. Deutschland sei längst nicht mehr Vorreiter in Sachen Erneuerbare Energien, sagt der ehemalige Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. „Wir verfehlen unsere Ziele jeden Tag, weil die steuerlichen Anreize nicht richtig sind.“ Er nannte eine steuerliche Förderung des Bundes für Ölheizungen als Beispiel und unterstrich: „Wir sind kontraproduktiv und inkonsistent in der Energiewende.“

In der Gegenrede zu Brickwedde hieß es auf dem Podium, die Rahmenbedingungen könnten sich ja auch ändern. Christina von Haaren jedenfalls wollte sich ihren Optimismus nicht nehmen lassen. Ihre Studie beinhaltet drei Szenarien, wie Deutschland im Jahr 2050 zu 100 Prozent aus Erneuerbaren versorgt werden kann, ohne dass der Naturschutz darunter leidet. Bemerkenswert: Die Studie geht in allen drei Szenarien davon aus, dass der Anteil der Photovoltaik – also Solaranlagen zur Stromerzeugung – am Energiemix der Zukunft bei deutlich mehr als der Hälfte liegt. Dafür sollen alle geeigneten Dächer im Siedlungsbereich genutzt werden. Neben der Photovoltaik würde der zweite größere Anteil von Windkraft an Land kommen – je nach Szenario zwischen 32 und 19 Prozent. Auch von Haaren betont aber, „dass politische Rahmensetzungen und ein gesellschaftlicher Aufbruch notwendig sind, damit die Energiewende nachhaltig verläuft und bis 2050 erreichbar ist.“

Alles in allem drehte sich die Diskussion der fünf Gesprächspartner auf dem Podium zu einem erheblichen Teil der Zeit um das Thema Windkraft – um Flächenverfügbarkeit und Abstandsregelungen. Das dabei so überaus wichtige Thema „Power to Gas“ für die Speicherung überschüssiger Windenergie wurde nicht angesprochen. Dabei könnte diese Technik unter Umständen den Bau von neuen lange Stromleitungen überflüssig machen.

Die Frage, warum man von einem hohen Energieeinsparpotenzial ausgeht, obwohl doch die Vergangenheit immer wieder gezeigt hat, dass Rebound-Effekte und neue stromverbrauchende Geräte fast jede Einsparung wieder auffressen, wurde ebenfalls nicht gestellt. Und die zweimal im Nebensatz geäußerte Bemerkung, die Energiewende im Verkehr hätte ja mit Naturschutz nicht viel zu tun, blieb unwidersprochen. Dabei ändert ein Elektroauto gar nichts an dem Flächen- und Naturverbrauch durch die Mobilitätsinfrastruktur – und bei jeder Brücke und jeder Umgehungsstraße gerät diese in Konflikt mit dem Naturschutz.

Doch vielleicht ist an Ende des Tages einfach nur die eine klare Aussage wichtig: Wir können es schaffen. Dann mal los!

Die Kurzfassung der vorläufigen Ergebnisse der Studie ist hier einsehbar:

Emotion Award – Preis für Frauen, die begeistern

Von Monika Griefahn (Fotos: Franziska Krug/Getty Images for Emotion.award)


Dr. Alexandra Widmer? Heike Langguth? Annette Pascoe? Das sind Namen, die man nicht unbedingt kennt, und dennoch sind diese Frauen jetzt mit dem Emotion Award ausgezeichnet worden. Bei diesem Preis geht es allgemein darum, Frauen zu würdigen, die begeistern. In der Kategorie „Frauen in Führung“ etwa wurden Frauen gesucht, „die eine besondere Firmenkultur fördern, die Mitarbeiterförderung neu definieren. Und Frauen, die sich in Männerdomänen einen Namen verschafften konnten, die den Weg für andere Frauen ebnen.“ Das kann grundsätzlich jede Firmenchefin sein, und darum freue ich mich sehr auch für die unbekannteren Preisträgerinnen. Denn die Auszeichnung bedeutet, dass sie in ihrem eigenen Verantwortungsbereich ohne viel Publicity kreativ arbeiten und Vieles leisten.

Den Sonderpreis bekam allerdings doch eine Frau, deren Namen man seit Jahrzehnten kennt: Rita Süssmuth. Ich habe mit ihr lange in der Interparlamentarischen Union zusammengearbeitet und weiß, dass sie sich immer für Gleichberechtigung eingesetzt hat. Sie hat in ihrer Partei der CDU für die Frauenquote gekämpft, was sicherlich lange Zeit eine eher frustrierende Auseinandersetzung in der Partei gewesen sein muss. Sie war in den 1980er Jahren Bundesfamilienministerin und zehn Jahre lang Präsidentin des Deutschen Bundestages. Jetzt ist sie 80Jahre alt und engagiert wie eh und je.

Und noch etwas ist schön an diesem Preis: Es geht um Frauen, aber es ist keine reine Frauenveranstaltung. Ins Publikum hatten sich vielleicht 20 Prozent Männer gemischt, und auch in der Jury entschieden Männer über die Preisvergabe mit. Zu den Laudatoren gehörten Johannes B. Kerner und Jörg Thadeusz. Das alles ist fein, denn es zeigt, dass immer mehr Männer Leistung und Lebenswerk von Frauen honorieren – dass eigene, starke Frauenbiografien selbstverständlicher werden. Dass die Zeitschrift „emotion“ das Frauenthema mit einer ehrenvollen Veranstaltung wie der Preisverleihung aufrechterhält, obwohl es derzeit vielleicht nicht so sehr Konjunktur hat, ist wichtig.

Der Emotion Award wird neben der Kategorie „Frauen in Führung“, wo unter anderem die oben genannte Heike Langguth als Leiterin der Bereitschaftspolizei Thüringen sich den Preis verdient hat, auch vergeben in den Kategorien „Soziale Werte“, „Team Sonderpreis Hand in Hand“, „Unternehmerinnen/Gründerinnen“, „Frau der Stunde“ und „Lebenswerk (Rita Süssmuth). Es lohnt sich, sich über die 19 Preisträgerinnen einmal genauer zu informieren – und das geht auf der Internetseite des Emotion Awards. Hier entlang!

Utopien und klare Konturen gegen Politikverdrossenheit

Von Monika Griefahn

Der Wahlkampf für die Bundestagswahl 2017 wirft seine Schatten voraus. Um Menschen und besonders junge Menschen (wieder) für Politik zu interessieren, legten die Friedrich-Ebert-Stiftung und unsere SPD-Bundestagsabgeordnete Svenja Stadler den Finger in die Wunde und luden zur alternativen Talkshow ein. Das Thema: „Miteinander reden statt übereinander klagen. Eine alternative Talkshow zur Politikverdrossenheit“.

Der Inhalt und die Frage, was an der Veranstaltung alternativ sein würde, machten mich neugierig, und so ging ich hin. Das Konzept, stellte sich dann heraus, war angelehnt an die Sendung „Hart aber fair“. Die Diskussion in Buchholz wurde per Livestream in Internet übertragen, und „da draußen“ diskutierten Zuhörer mit. Die Verzahnung von Vor-Ort-Debatte und dem Online-Chat gelang indes nicht gut – aufgrund vieler direkter Wortbeiträge wurde der Livechat fast vollständig vergessen und blieb letztlich eine separate Veranstaltung.

Die inhaltliche Analyse war aufschlussreich: Dr. Matthias Micus vom Göttinger Institut für Demokratieforschung nahm die Verdrossenheit der Bürger ernst – sei es nun Politik-, Partei- oder Politikerverdrossenheit. Denn diese Verdrossenheit habe die Parteien als wichtigste Säule des politischen Systems in Deutschland porös und instabil gemacht. Und immer weniger Wahlberechtigte entschieden sich für die Volksparteien.

„Partizipation“, sagte Micus, „hängt vom Interesse ab, und das hängt vom Selbstwirksamkeitsempfinden ab.“ Wo der Glaube herrsche, man könne nichts verändern, da schwinde die Partizipation. Zwar sei das ehrenamtliche Engagement insgesamt gestiegen, aber jene, die schon im Abseits stünden, würden auch durch neue, unkonventionelle Instrumente der Partizipation nicht erreicht. Die Schere klaffe auseinander, und wer aus der Passivität zurückdränge in die Aktivität, tue das meist nicht konstruktiv, sondern pessimistisch und misstrauisch. Micus forderte: „Die etablierten Kräfte müssen Parteien offensiver verteidigen, denn sie sind Filter gegen Populisten.“

Um Menschen wieder für Politik zu gewinnen, so Micus, müssten Parteien sie zunächst über unpolitische Angebote wieder interessieren, erst einmal ohne Eigennutz, denn dann würden Hemmschwellen abgebaut. Das könne schließlich wieder zu politischem Engagement führen. Gleichzeitig forderte er von den Volksparteien, wieder Utopien und Visionen anzubieten, denn: „Eine Mobilisierung überhaupt ergibt sich aus klaren politischen Profilen und Unterscheidbarkeiten.“

Wie politikverdrossen ist die Bevölkerung nun? Die jüngste Kandidatin auf dem Podium, Sophie Röhse vom Jugendrat in Buchholz, sagte: „Ich glaube, es gibt ein Interesse an Politik. Sie ist auch relevant für junge Menschen, aber die fühlen sich nicht repräsentiert.“ Das mag so sein, aber das bedeutet auch, dass es junge Menschen geben muss, die sich aktiv engagieren – wer sonst soll die jungen Leute repräsentieren?

Tatsächlich aber wurden einige Teilnehmer des Podiums nicht besonders wahrgenommen und konnten nicht so recht an der Diskussion partizipieren – genau das, was wir doch nicht wollen. So wurde die junge Sophie Röhse kaum in das Gespräch einbezogen, und der engagierte Kommunalpolitiker Martin Gerdau kam ebenso selten zu Wort. Der Internetchat lief wie gesagt nebenher und war später auch nicht mehr einsehbar.

Die Idee der alternativen Talkshow war also gut, und das Konzept könnte wirklich partizipativ werden – wenn an der Umsetzung noch ein bisschen gearbeitet wird.

Bäume hören nicht auf McKinsey

Von  Petra Reinken

Der Österreicher Erwin Thoma ist gelernter Forst- und Betriebswirt. Heute, mit Mitte 50, ist er Inhaber eines Unternehmens, das Massivholzhäuser baut – und zwar ohne Schrauben, ohne Leim. Er ist auch Autor, und er hat eine Botschaft: Seid wie die Fichte!

„Die Fichte ist der Baum, der am wenigsten kann“, erzählt Erwin Thoma bei einem unterhaltsamen Vortrag in Hollenstedt. Der Zimmereibetrieb Holzbau Mojen hatte dazu ins Weinkonzept im Gewerbegebiet eingeladen. Mehrere hundert Zuhörer ließen sich vom Referenten aus Österreich in die Wunderwelt der Bäume entführen und vom Massivholzbau begeistern. Und vielleicht auch davon, ein bisschen mehr zu sein wie die Fichte, wie der Baum, der am wenigsten kann. „Das Holz der Fichte ist nachgiebig“, sagt Thoma, „der Baum schmalbrüstig, seine flachen Wurzeln überlassen das Erdreich den anderen.“ Trotzdem sei die Fichte der Baum, der sich am weitesten durchgesetzt habe. „Wie kann das sein?“

Thoma löst das Rätsel selbst auf: „Die Fichte, die hätte jeder gerne als Nachbarn. Sie tut niemandem weh, sie kann teilen, sie wird gerne geduldet. Und damit kommt sie am weitesten.“ Diese Kooperationsbereitschaft der Fichte, die sei auch das Credo für sein Leben geworden. Dass er sein Wissen über den Wald, die Bäume und den Massivholzbau in Büchern veröffentliche – es mit anderen teile – das habe sich zig-fach ausgezahlt durch Aufträge bis hin ins ferne Japan. „Bäume hören nicht auf McKinsey“, fasst Thoma zusammen – ein Seitenhieb auf alle Unternehmensberater mit Ellenbogenmentalität.

Eindringlich ließ er die Zuhörer teilhaben an seiner Familiengeschichte: dass er die Firma mit seinem Großvater zusammen gründete, der weise sagte: „Du musst das Holz in seiner besten Form verwenden: schlage es bei abnehmendem Mond“. Dazu ließ er sich mehr überreden als überzeugen, doch heute sagt er in seinem so stark österreichischen Dialekt, dass der Norddeutsche ihn phasenweise kaum versteht: „Wos der Opa g‘wusst hat, des is a Woahnsinn!“ Seine „Mondbäume“ zeigten sich deutlich resistenter gegenüber Pilzen und Insekten als Bäume, die zu anderen Zeiten geschlagen wurden. Chemische Behandlungen, die aus dem Naturstoff Holz Sondermüll machen, brauchen sie nicht.

In seiner besten Form – das bedeutet auch: massiv. Thoma hat eine Massivholzbauweise entwickelt, die einzelne Holzlagen verzapft, sodass keinerlei Schrauben nötig sind. Gleichzeitig behält der Naturstoff seine hervorragenden Eigenschaften was Dämmung, Feuerfestigkeit und Temperaturkonstanz angeht. Der Unternehmer hat all dies in seiner Laufbahn beweisen müssen, um Baugenehmigungen zu bekommen. Und zusammen mit dem Mediziner Maximilian Moser bewies er auch noch, dass das Wohnen im Holzhaus den Menschen gesundheitlich guttut: Es stärkt das Immun- und Nervensystem und sorgt für einen tieferen Schlaf. Der Herzschlag verlangsamt sich. Thoma selbst scheint der beste Beweis: Es ist 55 Jahre alt und dabei ein Mann mit unbändiger Energie. Sein Vortrag trägt weit über den Abend hinaus. Bleibt nur am Ende die Frage, was man nun tun soll, mit dem Backsteinhaus, in dem man wohnt.

… dann kommt der Preis eben zu ihr

Von Monika Griefahn / Right Livelihood Award Foundation

Eigentlich haben wir den letzten Right Livelihood Award („Alternativen Nobelpreis“) im November 2016 verliehen. Da aber unsere Preisträgerin Mozn Hassan aus Ägypten nicht ausreisen durfte, konnte sie an der Zeremonie in Stockholm nicht teilnehmen. Nun kam der Preis zu ihr: Eine Delegation unserer Stiftung, begleitet von Abgeordneten aus dem deutschen, schwedischen und dem Europaparlament war Ende März in Kairo, um das Engagement der Frauenrechtlerin Mozn Hassan und der Gruppe Nazra zu würdigen und ihr den Preis zu überreichen.

Wir hoffen, ihrem Anliegen damit eine Stimme zu verleihen und der jungen Frau und ihren MitstreiterInnen Stärke zu geben. Denn: Ihre Situation ist schwierig. Aufgrund ihres Engagements für die Gleichstellung von Mann und Frau droht ihr die Schließung der Organisation. Die Konten sind bereits eingefroren, sodass keine Gehälter oder Mieten mehr bezahlt werden können. Mit einem neuen NGO-Gesetz versucht die ägyptische Regierung, alle Bürger, die nicht ausschließlich die Meinung der Regierung vertreten, mundtot zu machen. Nach diesem Gesetz ist es verboten ausländisches Geld für zivilgesellschaftliche Arbeit in Ägypten anzunehmen. Die Angst war vor und selbst bei der feierlichen Zeremonie immer im Raum, und dennoch blieb Mozn Hassan mutig und unerschrocken. Sie reiht sich ein in die Riege der Preisträger, die die drängendsten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit angehen – auch unter Lebensgefahr.

Für unsere Delegation war die Reise eine Gelegenheit, die fragile Situation in Ägypten hautnah zu erleben. Im Vorhinein war nicht klar, ob wir einreisen durften, ob wir den Raum, den wir angemietet hatten, wirklich für die Feierlichkeiten nutzen konnten und ähnliche Unsicherheiten mehr. Es hat geklappt, und viele engagierte Menschen aus der ägyptischen Gesellschaft sind gekommen und haben einen Abend lang gefeiert. Viele fühlten sich gestärkt – allein dadurch, dass die Right Livelihood Award Foundation sie beachtet und würdigt.

Leider wissen wir nicht, wie lange die scheinbare Ruhe hält. Am nächsten Tag, nachdem wir das Büro von Nazra besucht hatten, kam die Geheimpolizei. Wie lange die Organisation – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – überhaupt noch arbeiten kann, ist unklar.

Nachfolgend die Pressemitteilung, die unsere Stiftung über die Preisverleihung herausgegeben hat:

Trotz Ausreiseverbot: Ägyptische Feministin Mozn Hassan erhält ihren „Alternativen Nobelpreis“

Die ägyptische Frauenrechtlerin Mozn Hassan, die sich derzeit nicht international bewegen kann und der eine 25-jährige Haftstrafe droht, hat ihren „Alternativen Nobelpreis“ in einer privaten Zeremonie in Kairo entgegengenommen.

Sie erhielt ihn gemeinsam mit ihrer Organisation Nazra für feministische Studien „für ihr Bestehen auf Frauenrechte und auf die Gleichstellung der Frau in Umständen, in denen sie und ihre Organisation Opfer von fortdauernder Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung sind.“

Hassan konnte der Verleihungszeremonie in Stockholm im November 2016 nicht beiwohnen, da sie Ausreiseverbot hat. Die ägyptischen Machthaber verhängten es gegen sie und andere prominente Aktivisten. Ihr Vermögen und das von Nazra ist eingefroren – Teil von derzeit laufenden Ermittlungen gegen diverse ägyptische NGOs mit dem Vorwurf, ausländische Gelder angenommen zu haben.

In ihrer Dankesrede sagte Hassan: “Die Entscheidung der Right Livelihood Award Stiftung, für die Preisverleihung nach Ägypten zu kommen, ist wirklich wichtig. Denn sie bedeutet, dass uns Wertschätzung und Solidarität auch bei einem Ausreiseverbot erreichen kann. Heute fühlen wir, dass die Arbeit der ägyptischen Frauenrechtlerinnen, besonders nach 2011, von verschiedenen Akteuren auf der ganzen Welt gesehen und wertgeschätzt wird.“

Zur Verleihung, die auf dem Restaurant-Schiff Le Pacha 1901 stattfand, kamen rund 150 Gäste, darunter wichtige Personen der ägyptischen Zivilgesellschaft, europäische und ägyptische Parlamentarier, andere Preisträger, Diplomaten und Würdenträger.

Die Stiftungsvorsitzende Monika Griefahn überreichte den Preis. „Mozn Hassan und Nazra für feministische Studien verkörpern die jüngste Generation in einer langen Reihe von Anführerinnen der ägyptischen Frauenbewegung. Alle haben eine unglaublich wichtige Rolle gespielt, um die Gleichberechtigung im Land voranzubringen.“

„Die derzeitigen Sanktionen gegen Mozn Hassan und Nazra sind nicht nur ungerecht, sondern machen es auch schwieriger, ihre wichtige Botschaft weiter zu verbreiten und den Frauen in Ägypten und im weiteren Nahen Osten Stärke zu geben“, fügte Griefahn hinzu. Sie forderte, dass alle Anschuldigungen gegen Hassan fallengelassen werden sollten.

In der Zeremonie sprach auch Lynn Boylan, die im europäischen Parlament die Sinn Féin Partei vertritt. Sie sagte: „Überall auf der Welt versuchen jene, die sich von starken Frauen bedroht fühlen, diese loszuwerden und zu beleidigen. Aber Feministen werden sich nicht unterkriegen lassen. Jede neue Generation wird weiter starke und mutige Frauen haben bis die Gleichberechtigung durchgesetzt ist.“

Cecilia Magnusson, Mitglied im schwedischen Parlament, sagte: „Auch in Schweden gibt es für Frauenrechte noch etwas zu tun, aber es ist wichtig, dass wir, die wir schon so viel erreicht haben, jenen den Rücken stärken, die in anderen Ländern kämpfen, wo noch so viel im Argen liegt.“

Bärbel Höhn als Mitglied im Deutschen Bundestag sagte: „In Deutschland haben wir ebenfalls hart für unsere Rechte kämpfen müssen. Es brauchte Veränderungen in der Gesellschaft, auch Veränderungen in der Sichtweise der Männer, die nicht gewillt waren ihre Macht abzugeben. Aber es ist Fakt: Eine Gesellschaft, die die Fähigkeiten von der Hälfte der Bürger ungenutzt lässt – also die der Frauen -, wird nie die besten Ergebnisse erzielen und verschwendet ihre Möglichkeiten.

Mit der Verleihung des „Alternativen Nobelpreises“ an Mozn Hassan und Nazra geht die Auszeichnung das dritte Mal an Menschen und Organisationen in Ägypten: 1980 bekam Hassan Fathy, bekannt als der „Architekt der armen Leute“ den Preis. Die Entwicklungsinitiative Sekem und ihr Gründer Ibrahim Abouleish erhielten die Auszeichnung im Jahr 2003.

Zur Organisation Nazra

Internationale Umweltaktivisten diskutieren über Cradle to Cradle

Von Monika Griefahn

Beim diesjährigen Treffen internationaler Umweltpreisträger in Freiburg interessierten sich Teilnehmer aus Brasilien, China, Indien und anderen Ländern auch für das Cradle to Cradle Designkonzept. Wir hatten nach dem einführenden Vortag über das Konzept eine lebhafte, interessante Diskussion.

Das Treffen der internationalen Umweltpreisträger wird alljährlich von der European Environment Foundation organisiert. Es gibt den Teilnehmern die Chance, sich kennenzulernen und im Idealfall gemeinsam grenzübergreifend zu arbeiten. Ungefähr 100 Aktivisten nehmen in jedem Jahr teil. Die engagierten Menschen haben es in ihren Ländern nicht immer leicht – so ist die Jahrestagung auch eine Möglichkeit, unter Gleichgesinnten Kraft zu tanken für die Herausforderungen der eigenen Arbeit. Dass Umweltschützer unter Umständen gefährlich leben, zeigen Beispiele wie das von Berta Cáceres, die 2016 in ihrem Haus in Honduras getötet wurde, weil sie sich unter anderem gegen illegale Bauprojekte einsetzte. Die Preisträger verfassten auch aus diesem Anlass zum Ende der Konferenz einen Aufruf gegen die Unterdrückung von Umweltaktivisten (siehe PDF am Ende des Artikels).

In meinem Workshop zu Cradle to Cradle, überschlugen sich die Teilnehmer mit Fragen und Diskussionsbeiträgen. Besonders interessant für mich waren in der Diskussion zwei Themen: Zum einen die Frage, ob C2C-Produktionen immer teurer seien als herkömmliche. Das konnte ich verneinen, denn oft geht die Veränderung eines Produkts nach C2C-Kriterien mit einer Verringerung der Inhaltsstoffe einher. Die alte Rezeptur zu entschlüsseln und eine neue zu entwickeln, mag mehr Geld kosten. Das neue Produkt selbst kann dann aber unter Umständen sogar günstiger werden als das alte.

Zum anderen verfochten die Teilnehmer die Ansicht, man brauche ein Label, um die C2C-Wertigkeit deutlich zu machen. Nun ist es auch bei Cradle to Cradle möglich, einen Zertifizierungsprozess zu durchlaufen. Der zeigt in verschiedenen Abstufungen von Basic bis Platin, wie sehr sich ein Hersteller schon mit seinem Produkt beschäftigt hat: Wie gut kennt er die Inhaltsstoffe, hat er problematische Inhaltsstoffe ausgetauscht, hat er ein funktionierendes Rücknahmesystem entwickelt? Letztlich aber geht es doch hauptsächlich um Transparenz, die auch ohne Label möglich ist. Der Zertifizierungsprozess macht das Produkt letztlich teurer. Offenbar aber sorgen Zertifizierungen für eine höhere Glaubwürdigkeit – mindestens im internationalen Kontext – sodass jedes Unternehmen überlegen muss, ob sich der Prozess bezahlt macht. Die Teilnehmer des Workshops jedenfalls fanden ein Label zur Orientierung wichtig.

Ich freue mich, Cradle to Cradle international bekannter gemacht zu haben. Nun hoffe ich, dass sie in ihren Ländern davon erzählen – bei den Kollegen aus den NGOs, den Unternehmen und den Kommunen. Anregungen gab es in der lebhaften Diskussion dazu allemal.

Masterclass-Video hier ansehen

Aufruf gegen die Unterdrückung von Umweltaktivisten

„Inside Fukushima“

Von Monika Griefahn (Foto: Andreas Conradt)

Wie wichtig, dass wir uns das alle noch einmal klarmachen: Anlässlich des sechsten Jahrestages der Nuklearkatastrophe von Fukushima hat das Literaturfestival „Lesen ohne Atomstrom“ ein fast vergessenes Thema aufgegriffen: „Wegwerfarbeiter“ in Atomkraftwerken. Die Diskussionsrunde in Hamburg, die ich moderiert habe, war großartig besetzt: Der japanische Journalist Tomohiko Suzuki stellte sein Buch „Inside Fukushima“ vor, das nur wenige Tage zuvor auf Deutsch erschienen war. Und weil er dafür undercover in dem havarierten Atomkraftwerk gearbeitet hatte, war es mehr als naheliegend, den deutschen Enthüllungsautoren Günter Wallraff mit aufs Podium zu holen. Auch er hatte in den 1980er Jahren undercover die Strukturen der Personalrekrutierung für Atomkraftwerke aufgedeckt. Schauspielerin Anna Thalbach las mit beeindruckender Wirkung aus „Inside Fukushima“, und Sebastian Pflugbeil als Kenner der Atomszene und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz  sorgte für viele Details auch aus den nationalen und internationalen Aufsichtsbehörden. Wäre es nicht so ein bedrückendes Thema gewesen, wären die Erlebnisse der Undercover-Recherchen nicht so entsetzlich – und entsetzlich ähnlich –, die rund 500 Zuhörer und ich hätten beschwingt nach Hause gehen können.

Doch was wir hörten, war ernüchternd: Die Arbeiter seien einfache Menschen, die Geld bräuchten, beschreibt Suzuki seine Kollegen aus der Undercover-Zeit. Die Rekrutierung läge in den Händen der japanischen Mafia, der Yakuza. Ihre Angehörige seien anerkannte Personen und hervorragend in der Gesellschaft verankert.

Nichts anderes berichtet Günter Wallraff aus den 1980er Jahren in Deutschland. Die „Menschenhändler, die die Mitarbeiter für besonders gefährliche Aufgaben in Atomkraftwerken rekrutierten, seien bestens vernetzt und angesehen in der lokalen Politik gewesen. Sie hätten sogar Obdachlose rekrutiert, da die Höchst-Strahlendosis seinerzeit für die Arbeiter sehr schnell erreicht wurde und man jede Menge Leute benötigte. Nicht umsonst nennen Kritiker diese Menschen „Wegwerfarbeiter“.

Tatsächlich stützt auch Atomkenner und –kritiker Sebastian Pflugbeil diese Aussagen auf Basis zur Verfügung stehender Daten. Im regulären Betrieb von 17 deutschen AKW standen 2009 nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken den knapp 6000 Mitarbeitern des Eigenpersonals, die in Bezug auf die Strahlenbelastung überwacht werden, gut 24.000 überwachte Fremdarbeiter gegenüber. „Festangestellte Fachleute“, stelle Pflugbeil nüchtern fest, „sind zu teuer, um sie hohen Strahlendosen auszusetzen, sie sind dann zu schnell nicht mehr einsetzbar.“

Japans Umgang mit der Atomkraft ist für ihn befremdlich. Trotz der Erfahrung mit den zum Ende des Zweiten Weltkriegs abgeworfenen Atombomben in Hiroshima und Nagasaki schöben die Menschen das Thema gerne weg. An Hochschulen gebe es eine Furcht, sich mit dem Thema zu beschäftigen – Projekte, die die Gefahr plastisch machen, würden zurückgezogen.

Das bestätigt auch Suzuki: Die Folgen des Fukushima-Tsunamis seien nicht so dramatisch gewesen, wie zunächst befürchtet. So habe sich mehrheitlich der Eindruck durchgesetzt, der Unfall gefährde den Alltag nicht und man würde die Kernenergie schon in den Griff bekommen. Dennoch glaubt er, dass es irgendwann keine Atomkraftwerke auf der Welt mehr geben werde. Vielleicht trägt er mit seinem Buch ein kleines bisschen zu diesem Ziel bei.

Zum Buch „Inside Fukushima“

Zur Veranstaltung „Lesen ohne Atomstrom“

 

Nichts geht verloren! Cradle to Cradle Pioniere aus der Textilbranche diskutieren

Vom Cradle to Cradle e.V. – leicht geändert, leicht gekürzt und mit herzlichem Dank!


Die geliebte Jeansjacke wandert, nachdem sie lange gute Dienste erwiesen hat, einfach auf den Kompost und bleibt so als Nährstoff im natürlichen Kreislauf erhalten. Die metallischen Knöpfe werden zu einem neuen Rohstoff im technischen Kreislauf… Nichts geht verloren!

So kann nach dem Cradle to Cradle Konzept die Zukunft unsere Textilien aussehen. Welche Erfolge mit Cradle to Cradle im Textilbereich bereits erzielt wurden, welche innovativen Ideen nur noch auf ihre Umsetzung warten und welche Hürden noch genommen werden müssen, darum ging es beim Expertenforum #2 „Textilien – Kreisläufe – Beschaffung – Lieferketten“ im Sarah Wiener Restaurant in Berlin. Die Veranstaltung gehört zu einem Format, das branchenbezogen Praktiker aus der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik  zusammenbringen soll.

So diskutierten Experten unter anderem der Textilindustrie, Modedesign, Politik, Beratung und Forschung zu den Themen gesunde Textilien, Materialkreisläufe und transparente Lieferketten. Die Herausforderungen rund um die sortenreine Trennung natürlicher und künstlicher Materialen sowie ihre Rückführung in den natürlichen bzw. technischen Kreislauf, aber auch der grundsätzliche Einsatz gesunder Materialen wurden erörtert.

Zu Beginn betonte Monika Griefahn die Tragweite des Themenfeldes Textilien als wichtigen Bestandteil unseres täglichen Lebens. Cradle to Cradle stehe für Gesundheit, für Qualität und insbesondere für Kreisläufe.

Rita Schwarzelühr-Sutter, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, bezeichnete die Textilbranche als einen der umsatzstärksten Wirtschaftszweige und informierte über die Ziele der Politik: Die Bundesregierung habe sich bis 2020 verpflichtet, die Hälfte der öffentlich beschafften Textilien anhand von Nachhaltigkeitsstandards auszuwählen. Sie unterstrich die Bedeutung der Vorbildfunktion der öffentlichen Hand.

Designerin Friederike von Wedel-Parlow schilderte ihre einschneidenden Erlebnisse auf der Pariser Modewoche, die sie dazu bewogen, sich mit neuen Konzepten zur Gestaltung von Textilien zu beschäftigen. So stieß sie auf die Cradle to Cradle Idee, welche sie seitdem in ihrer Funktion als Professorin für „Sustainable Design Strategies“ an der Kunsthochschule ESMOD mit Masterstudierenden auf kreative Weise umgesetzt hat. Im Herbst 2016 gründete sie das „Beneficial Design Institute“ und arbeitet dort mit verschiedenen Firmen an der Marktreife von Cradle to Cradle Produkten. Die Aufgabe der zukünftigen Konsumenten sei es dann zu lernen, die genutzten Textilien an die richtigen Adressaten zu geben.

Albin Kälin, Gründer und Geschäftsführer der EPEA Switzerland GmbH, brachte mehrere Praxisbeispiele aus seiner Arbeit mit verschiedenen Textilunternehmen mit. Unter anderem veranschaulichte er die Notwendigkeit eines Neudenkens von Textilien am Bespiel eines BHs, „weil ein BH mit seinen verschiedenen Bestandteilen ein Chemiecocktail ist.“ Für die bisher verwandten Materialien gesunde Alternativen zu finden und diese anschließend sortenrein in ihre entsprechenden Kreisläufe zurückführen zu können, sei eine Herausforderung. Mit den kürzlich in Paris präsentierten Wolford-Produkten sei man ab 2018 auf dem Weg.

Volker Steidel, seines Zeichens geschäftsführender Gesellschafter beim Garn- und Gewebehersteller Lauffenmühle, zeigte unter anderem anhand der Geschichte seines Produkts infinito, wie mit viel schöpferischer Kraft Materialien entwickelt werden können, die echte Lösungen darstellen. Mit der Polymerfaser infinito, die biologisch kreislauffähig ist, könnten wir bereits heute „tolle Produkte machen“, die Cradle to Cradle Standards entsprächen. Er betonte auch die Wichtigkeit von Transparenz „von der Faser bis zum Endprodukt“. Gerade Berufskleidungen seiner Firma, die heute besonders nach Cradle to Cradle Kriterien hergestellt würden, eigneten sich besonders für Kreisläufe.

Nach der offiziellen Diskussionsrunde taten die Gäste das, was auch wichtig ist – etwas essen und die Gespräche untereinander weiterführen. So trafen sich Firmenvertreter und Einzelpersonen – darunter Mitarbeiter aus dem Bundesentwicklungs- und dem Umweltministerium sowie Designer, Vertreter unterschiedlicher C2C Unternehmen und Entscheider verschiedenster Institutionen und Unternehmen.

Ein drittes Expertenforum ist bereits in Planung – voraussichtlich wird es an einem Termin im Sommer um das Thema Verpackungen gehen.

Hier geht es zum Cradle to Cradle e.V.