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22. März 2026 | Monika Griefahn

100 Jahre GEDOK – für die weibliche Perspektiven in der Kunst

Vereine und Verbände nur für Frauen – sind sie heute noch wichtig? Zumindest haben mir die Feierlichkeiten zu „100 Jahre Verband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstfördernden (GEDOK)“ einmal wieder deutlich vor Augen geführt, was sie erreichen können. Die GEDOK etwa macht transparent, wie sehr Frauen im künstlerischen Bereich in der Historie strukturelle Nachteile erfahren haben, obwohl sie gute Arbeit leisteten. Die Rahmenbedingungen mögen heute besser sein, aber – Stichwort „Gender Pay Gap“ – wir müssen noch immer darum kämpfen, gehört und gesehen und anerkannt zu werden.

Dass ich bei dem Festakt der GEDOK die Festrede halten durfte, hat mir große Freude bereitet. Ich habe mich lange nach meiner Zeit als aktive Kulturpolitikerin einmal wieder mit den talentierten Frauen aus Kunst, Musik und Literatur beschäftigt und mich an ihnen erfreut.

Hier die Rede, die ich gehalten habe:

„Wie viele Künstlerinnen der Moderne können Sie, liebe Gäste, die nicht GEDOK-Mitglieder sind, benennen? Bildhauerinnen? Malerinnen? Musikerinnen? Am ehesten fielen einem wohl Frauen in der Literatur ein… Aber sehr sicher werden Sie deutlich mehr Namen männlicher Künstler im Kopf haben als von Frauen. Die meisten Frauen in der modernen Kunst- und Musikgeschichte sind vergessen worden, und das hat strukturelle Gründe. Denn obwohl sie Kunstgeschichte gleichberechtigt mit Männern geschrieben haben, wurde den Künstlerinnen nicht die Anerkennung zuteil, die sie verdienen. Jahrhundertelang waren sie von den Kunstschulen, Galerien und Museen ausgeschlossen. Vor dem Aufkommen des Feminismus in den 1970er Jahren hatten sie praktisch keine Plattform für die Ausstellung ihrer Werke. Kein Wunder also, dass große weibliche Namen auch heute deutlich weniger präsent sind.

Eine wichtige Ausnahme ist da Ida Dehmel, die bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die GEDOK auf den Weg gebracht hat, warum wir hier heute versammelt sind!

Große bildende Künstlerinnen haben jedoch zu allen Kunstbewegungen beigetragen, die dieser Zeit der weiblichen Emanzipation vorausgingen, insbesondere vom Impressionismus im späten 19. Jahrhundert über den abstrakten Expressionismus bis hin zum Surrealismus. Diese Künstlerinnen, die im Schatten ihrer männlichen Zeitgenossen agierten, sind bis heute wenig bekannt.

Im Impressionismus waren Malerinnen Teil des engen Kreises der Impressionisten, stellten oft gemeinsam mit ihnen aus und prägten den Stil durch eigene Ansichten, oft mit Fokus auf häusliche Szenen, Frauenbilder und den privaten Raum

  • Berthe Morisot (1841–1895): War eine der vier „großen Damen“ des Impressionismus, deren Werk als wegweisend gilt.
  • Marie Bracquemond (1840–1916): Bekannt für ihre leuchtende Farbpalette und Außenansichten.
  • Eva Gonzalès (1849–1883): Schülerin von Manet, die sich durch einen eigenen Stil innerhalb des Impressionismus auszeichnete.

Im Expressionismus waren Frauen Teil der Künstlergruppen „Brücke“ oder „Blauer Reiter“ und nutzten intensive Farben und Formen, um emotionale Zustände auszudrücken.

  • Gabriele Münter (1877–1962): Wichtige Vertreterin des Blauen Reiters, bekannt für ihre expressiven Landschafts- und Porträtbilder. Sie wurde vom der GEDOK geehrt durch die Benennung eines Preises, wie wir in der Festschrift lesen können
  • Paula Modersohn-Becker (1876–1907): Pionierin des frühen Expressionismus, die den Übergang von der Impression zur Ausdruckskunst prägte.
  • Und zumindest Käthe Kollwitz (1867–1945): ist bekannt, und zwar für ihre eindringlichen Grafiken und Skulpturen, die soziale Not ausdrücken.

Frauen spielten eine zentrale Rolle im Surrealismus, indem sie Traumwelten, Unterbewusstes und Absurdes erforschten, oft mit einem feministischen Blick.

  • Frida Kahlo (1907–1954): Obwohl sie sich selbst nicht immer als Surrealistin sah, wird ihr Werk aufgrund der traumartigen Darstellung ihrer Biografie eng mit dem Surrealismus verbunden.
  • Meret Oppenheim (1913–1985): Berühmt für ihre surrealistischen Objekte.
  • Dora Maar (1907–1997): Bekannt für ihre surrealistische Fotografie und Fotomontagen.

Diese Künstlerinnen haben durch ihre bahnbrechenden Werke neue Perspektiven in die von Männern dominierten Kunstbewegungen eingebracht und den Weg für kommende Generationen geebnet.

Viele Künstlerinnen in der Kunstgeschichte wurden erst spät, teilweise erst im hohen Alter oder gar postum, für ihr Werk gewürdigt. Dies lag wie gesagt oft an gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen den Zugang zur künstlerischen Ausbildung erschwerten oder ihr Schaffen als zweitrangig einstuften. Auch Frauen, die Musik schufen, haben um ihre Positionen kämpfen müssen und waren nur durch die Förderung ihrer Väter, Brüder oder Ehemänner überhaupt in der Öffentlichkeit sichtbar.

Aber Frauen wären nicht Frauen, wenn sie nicht Mittel und Wege finden würden, zum Ziel zu kommen. Da wäre zum Beispiel, Emily Brontë, die ihre Werke und auch ihren Roman „Wuthering Heights“ unter dem männlichen Pseudonym Ellis Bell veröffentlichte. Oder es waren Frauen wie Clara Schumann, die Frau von Robert Schumann, die zwar von ihrem Mann gedrängt wurde, ihren Hausfrauen- und Mutterpflichten nachzukommen, deren Konzerteinnahmen aber viele Jahre nötig waren, um das Familieneinkommen zu sichern. An Ida Dehmels Biografie ist außerdem erkennbar, dass sie auch ein politischer Mensch war, der sich für das Wahlrecht für Frauen eingesetzt hat. Ein bestimmter Schlag Mensch/Frau also, die eine Berufung zum Engagement verspürt, auch gegen Widerstände.

Andere haben das Gegenteil erlebt – etwas Fanny Hensel aus Hamburg, die Schwester von Felix Mendelsohn. Ihr kompositorisches Werk, von dem bisher nur ein kleiner Teil veröffentlicht ist, umfasst über 460 Werke und wurde – mit wenigen Ausnahmen – 1964 aus Familienbesitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz überreicht. Eine musikalische Karriere und Veröffentlichungen zu Lebzeiten waren ihr von der Familie weitgehend untersagt worden. Der Vater meinte, dass die Musik für ihren Bruder Felix vielleicht Beruf werden könne. Für sie hingegen – so schreibt er es 1820 in einem Brief an die Tochter – könne Musik „stets nur Zierde, immer Bildungsmittel, Grundbaß Deines Seins und Tuns werden.“ Und wenn man dann nachliest, dass ihr Lehrer Zelter 1831 in einem Schreiben an Goethe das große Lob aussprach, sie spiele Piano „wie ein Mann“, dann erkennt man, wie vergiftet das Lob doch ist, wenn der Mann als das Maß aller Dinge gilt.

An einem weiteren Zitat im Zusammenhang mit Fanny Hensel sehen wir, wie sehr auch sie sich nach Anerkennung ihrer Fähigkeiten gesehnt hat. Sie schreibt 1838 an ihren Bruder: „Lieber Felix, komponiert habe ich in diesem Winter rein gar nichts, musiziert freilich desto mehr, aber wie einem zu Mut ist, der ein Lied machen will, weiß ich gar nicht mehr. […] Was ist übrigens daran gelegen? Kräht ja doch kein Hahn danach und tanzt niemand nach meiner Pfeife.“

Auch Maria Anna Mozart (Nannerl) (1751–1829), die ältere Schwester von W.A. Mozart, war eine talentierte Pianistin und Komponistin. Obwohl viele ihrer Werke verloren gegangen sind, wird ihr Beitrag zur musikalischen Entwicklung ihres berühmten Bruders und zur klassischen Musikgeschichte zunehmend anerkannt.

Wenn wir also benennen wollen, was Ida Dehmel mit der GEDOK-Gründung für die Frauen in der Kunst getan hat, dann ist das auf mehreren Ebenen absolut bahnbrechend:

  • Sie gab den Frauen mit musischen und künstlerischen Fähigkeiten einen Raum, in dem sie sich mit ihrer ganzen Leidenschaft entfalten konnten
  • Sie gab ihnen Anerkennung in der Gesellschaft und Selbstbewusstsein
  • Sie verhalf ihnen dazu, mit ihrer Kunst Geld zu verdienen. Dass das bis heute für beide Geschlechter ein hartes Brot ist, das habe ich als Kulturausschussvorsitzende im Deutschen Bundestag hautnah miterlebt. Ich habe in der Funktion auch die Künstlersozialkasse betreut und dort gesehen, wie niedrig die Jahreseinkommen von Künstlerinnen und Künstlern waren und sind. Und in der heutigen Zeit, in der KI-Techniken sich überhaupt nicht ums Urheberrecht scheren, ist es nochmal schwerer.

Wir haben in vielen gesellschaftlichen Bereichen die Debatte, ob es rein weibliche Verbände braucht, ob es einen Fokus auf Frauenförderung braucht, ob es Quoten braucht, um als Frauen voranzukommen. Frauen sind einen langen Weg gegangen auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Wir schauen auf gegenwärtige gesellschaftliche Strukturen und sehen, dass wir immer noch nicht am Ziel sind. Vielleicht aber sind wir in den künstlerischen Bereichen schon weiter als in Wirtschaft und Politik – mit vielen jungen Schriftstellerinnen, Sängerinnen, Malerinnen, Musikerinnen. GEDOK hat ohne Zweifel dazu beigetragen. Denn solche Verbände – seien es künstlerische Vereinigungen für Frauen oder Unternehmerinnen-Netzwerke – schaffen einen Raum der Selbstvergewisserung, der meiner Meinung nach immer noch wichtig ist.

100 Jahre nach der Gründung wünsche ich der GEDOK und ihren fast 3.000 Mitgliedern in 23 Städten noch mehr Erfolg und Anerkennung! Sicherlich ist der heutige Senatsempfang ein würdiger Schritt dahin. Ich danke dem Kultursenator für die Anerkennung, und ich wünsche den vielen ehrenamtlichen Aktiven, die unermüdlichen wirken, viel Kraft für Ihr Tun.

Herzlichen Dank!“

Kategorie: Allgemein, Kultur und Medien

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