Cradle-to-Cradle-Entwickler Michael Braungart beendet nach mehr als 30 Jahren seine Laufbahn als Professor für Ökodesign an der Nachhaltigkeitsuniversität Leuphana in Lüneburg. Er bleibt der Universität als Gastprofessor erhalten und betreut auch zukünftig Doktoranden, die sich mit Cradle to Cradle beschäftigen.

Foto: Jasper Großmann
Bei der Abschiedsvorlesung Anfang Februar hatte er eine wichtige Lebensweisheit für seine Studierenden dabei: „Das, was ich gemacht habe, hat jahrzehntelang niemand wertgeschätzt. Jetzt kann ich mir jede Auszeichnung abholen außer vielleicht den Nobelpreis. Darum: Versuchen Sie nicht stolz zu sein, wünschen Sie sich keine Wertschätzung. Tun Sie das, was Sie für richtig halten. Nur dann sind Sie innovativ.“
POSITIVER FUSSABDRUCK
Michael Braungart ist Kopf des Design-Konzepts Cradle to Cradle, mit dem die Menschen eine Welt voller gesunder Produkte kreieren können. Das Konzept „Abfall“ existiert dabei nicht, es gibt nur Nährstoffe für technische und biologische Kreisläufe. C2C ist ein Design-Konzept, das die Gesundheit und das positive Gestalten in den Mittelpunkt stellt, und das heutzutage wirtschaftlich erfolgreich angewandt wird. Nach Jahrzehnten voller Überzeugungsarbeit und Beharrlichkeit finden sich die Leitlinien des Prinzips nun endlich in Gesetzen wie dem Green Deal der EU oder in Firmenphilosophien wieder.

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Die Redner-Riege an diesem Tag in Lüneburg ist ein Beweis dafür, dass Unternehmer in dem Konzept ein Wirtschaftskonzept sehen. Michael Braungart honoriert das – und fordert gleichzeitig mehr: An Jörg Witthöft, Senior Manager beim Autozulieferer ZF Group, gerichtet sagt er: ZF entlasse gerade viele Leute, anstatt deren Brain zu nutzen und aus einem Auto wieder ein Auto zu machen. Mag sein, dass dem ZF-Vertreter die Kritik etwas aufstößt, denn nur kurz zuvor konnte er stolz berichten, wie das Unternehmen Lkw-Kupplungen so geschickt designt hat und umarbeiten kann, dass sie ohne einschmelzen zu 98 Prozent wiederverwendet werden können.
Braungart selbst weiß um sein „loses Mundwerk“ und dass er zuweilen Menschen vor den Kopf stoße. Für den Oberbürgermeister von Braungarts Geburtsstadt Schwäbisch-Gmünd, Richard Arnold, nicht unbedingt ein schlechter Charakterzug. Er sagte zu Braungart: „Du bist radikal, ohne dogmatisch zu sein, provokant, ohne verletzend zu sein, visionär, ohne den Boden zu verlieren.“
MENSCHEN, DIE NÜTZLICH SIND
Wer seiner Rede und den Beiträgen der Wegbegleiter lauscht, bekommt einen Eindruck davon, dass es Michael Braungart nie genug ist, nie schnell genug geht. Man könnte meinen, dass er in seinem jahrzehntelangen Bemühen, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft von Cradle to Cradle zu überzeugen, vielleicht auch manchmal verzagt hat hinschmeißen wollen. Wenn es so war, ist davon bei seiner Verabschiedung an der Leuphana nichts zu spüren. Die Erklärung dafür könnte in dem Konzept an sich stecken: „C2C ist fundamental anders, weil wir ein Menschenbild annehmen, das nützlich ist und nicht nur weniger schädlich.“ Und weiter: „Ich möchte, dass wir einen großen Fußabdruck haben, aber einen, der ein Feuchtgebiet wird. Keinen kleinen. Ich möchte durch mein Dasein gut sein, nicht nur durch aktives Handeln.“
LÖSUNGEN STATT PROBLEME
Mit der Verabschiedung von der Leuphana gibt Michael Braungart die große Aufgabe, weitere Lösungen für gesunde, C2C-fähige Produkte zu finden, an die nächste Generation ab. Einige junge Studierende stellten ihre Forschungsprojekte vor. Sie arbeiten an vielfältigen Lösungen – etwa für gesundheitsfreundlichen Reifenabrieb, für einen biologisch abbaubaren Elasthanersatz, für kreislauffähige Schiffskabinen, für unschädliches Plastik. Allein der Fokus darauf, es endlich gut und nicht nur besser machen zu wollen, ist laut Braungart ein Paradigmenwechsel. „Solange wir Probleme haben, bekommen wir Geld, deswegen denken wir in Problemen“, kritisiert er – und lobt die Studierenden mit ihren lösungsorientierten Fragestellungen. Ungehalten fragt er in die Runde: „Wir wissen, dass wir Dinge machen können, die gesund sind und positiv, wieso machen wir sie dann nicht?“ Es ist nun an den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, den Weg weiterzugehen – dank der Gastprofessur an der Leuphana aber immer noch mit der „fordernden Unterstützung“ des Vordenkers, wie einer der Studierenden es formulierte.
Worte der Redner und Wegbegleiter

Foto: Jasper Großmann
„Vielen Dank Michael, dass du das Cradle-to-Cradle-Konzept erschaffen hast, sonst wären wir wohl alle – auch ich – dabei, die Dinge nur weniger schlecht zu machen.“
Paul Musenbrock, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „C2C-Modellregion Nordostniedersachsen“; PhD Leuphana Universität Lüneburg
„Let’s make the world a better place by learning from each other and inspiring people around us.“
Ritu Sharma, PhD Leuphana Universität Lüneburg
„Reifenabrieb ist gleich nach Teppichböden das Thema, über das Michael am meisten spricht.“
Erik Hansen, Professor an der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz
„Vielen Dank für den Impuls, dass man erst etwas verändern muss, bevor man etwas verbessern kann.“
Jörg Witthöft, Senior Manager beim Autozulieferer ZF Group
„Michael Braungart ist thought provoking. Er gibt Denkanstöße, deswegen ist er innovativ und wichtig.“
Stefan Schaltegger, Professor an der Leuphana Universität
„Michael, du warst ein Influencer, als es die noch gar nicht gab. Du bist der Meister der produktiven Irritation.“
Harald Heinrichs, Dekan der Fakultät Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität Lüneburg
„Michael Braungart hat das Ringen um das Verständnis von Nachhaltigkeit in der Wissenschaft und der Gesellschaft beeinflusst. Er suchte immer reale Bezüge (…) Diese Praxisausrichtung ist an der Leuphana prägend geblieben. (…) Kommunikation war immer integraler Bestandteil seines Verständnisses von Wissenschaft. Die Debatten waren für uns als Uni nicht immer bequem, aber sie waren Ausdruck unseres wissenschaftlichen Diskurses.“
Jelena Bäumler, Vizepräsidentin der Leuphana Universität Lüneburg
Weiterführende Links:
Monika Griefahn GmbH
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