Archiv für den Autor: Petra Reinken

Holz und sonst gar nichts

Von Monika Griefahn und Petra Reinken

P1220858_blog

Matthias Korff hatte schwer zu tragen, als er beim Seminar „Umweltpolitik und Nachhaltigkeit“ an der TU Hamburg-Harburg in den Seminarraum kam. Er hatte das Muster eines Wandquerschnitts mitgebracht – komplett aus Vollholz, so, wie er Häuser baut. Matthias Korff ist der Geschäftsführer von Deepgreen Development und hat den markanten „Woodcube“ auf der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2013 in Hamburg-Wilhelmsburg gebaut. Bis auf ganz wenige Ausnahmen ist dieses mehrstöckige Wohngebäude komplett aus Holz.

Im Seminar „Umweltpolitik und Nachhaltigkeit“ haben wir in jedem Semester externe Referenten zu Gast, die aus ihrer Arbeitswelt oder von ihrem Engagement erzählen. Sie kommen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft und schaffen genau das, was mit dem Seminar erreicht werden soll: Die Studierenden, allesamt angehende Ingenieure, bekommen einen Einblick in das Denken und Handeln anderer gesellschaftlicher Akteure.

Korff erzählte, wie er zum Holz kam. Krank sei er geworden durch Chemie in Baumaterialien. Inzwischen ist er voller Überzeugung für ein Bauen ohne Kleber, ohne Beschichtungen oder synthetische Verbundstoffe. In seinen Entwürfen lässt er nur den Baustoff Holz gelten. Den Studierenden erzählte er von seinem Besuch in einer Holzproduktion, wo Schicht um Schicht mit Leim verklebt wurde – ein Leim, dessen mehrseitige Schadstoffdeklaration ihm Angst gemacht habe. In seinen eigenen Häusern, zeigte er an dem schweren Modell, das er auf den Tresen gehievt hat, sei nichts verklebt. Die einzelnen Brettlagen hielten durch Buchenholzschrauben. Einen Naturbaustoff so zu behandeln, dass er dann zu Sondermüll werde, das nennt er zynisch.

Korff erzählte, dass es kein einfacher Weg sei, mit Vollholzhäusern sein Geld verdienen zu wollen. Allein all die Tests und Gutachten, die er zum Thema Brandschutz und Dämmeigenschaften habe nachweisen müssen. Und, dass geschafft, dann der steinige Weg in der Praxis. „Wir hatten 50.000 Besucher auf der IBA bei uns im Woodcube, und ich möchte sagen, alle waren begeistert von dem Haus. Doch dann geht einer, der so ein Haus bauen will, zum Architekten und zum Bauträger, und die kennen das alles nicht und trauen sich dann auch nicht an so ein Projekt.“

Korff will das ändern, auch deswegen hat er die Einladung in unser Seminar angenommen. Er möchte, dass mehr Berufsgruppen dem Baustoff Holz wieder mehr zutrauen und ihn so nutzen, wie es seiner Meinung nach am besten ist. Pur. Bei den Studierenden hat er jedenfalls die Aufmerksamkeit für seine Herangehensweise geweckt – und dieses „Offen sein für andere Wege“ ist ja das, was wir mit dem Seminar auch erreichen möchten. Einige der jungen Leute stehen noch nach dem Seminar um den Referenten und sein Wandmodell herum und stellen Fragen. Einer sagt, er wolle mit seinem Prof über Vollholzprojekte sprechen, ein anderer fragt Korff, ob er ihn mal kontaktieren könne, wenn er in zehn Jahren ein Haus bauen wolle.

Klima. Wandel. Gerechtigkeit. Welchen Fußabdruck willst du hinterlassen?

Von Moritz Petersmann, Leuphana-Student

Podium mit Monika GriefahnDrei Tage lang elektrisierende Stimmung auf dem Campus der Leuphana Universität Lüneburg: Die jährlich stattfindende Konferenzwoche hat es wieder geschafft, viele junge Menschen in ihren Bann zu ziehen. Sie ist ein beeindruckender Höhepunkt des Studienmoduls „Wissenschaft trägt Verantwortung“  an unserer Universität.

Vom 25.  bis zum 27. Februar machten sich in Lüneburg etwa 1500 Studierende des ersten Semesters bei der Konferenz auf verschiedene Wege des Wandels, um den Herausforderungen und Chancen einer nachhaltigen Entwicklung zu begegnen. Es lockten große Arenen mit prominenten Gästen wie Klaus Töpfer, langjähriger Direktor bei den Vereinten Nationen, Stefan Wenzel, niedersächsischer Umweltminister, Katharina Fegebank, Landesvorsitzende der Grünen in Hamburg, Menschenrechtsaktivistin Ruth Weiss, Club of Rome-Mitglied Uwe Schneidewind, Starköchin Sarah Wiener oder dem Yale-Philosophen Thomas Pogge.

Doch auch die Studierenden selbst prägen mit der Präsentationen ihrer Forschungsergebnisse die Konferenz maßgeblich mit. Der „Gallery Walk“ verwandelt zum Beispiel den Hörsaalgang dann in eine bunte Messe mit viel Ideenreichtum. Ein beeindruckendes Beispiel aus diesem Jahr ist das Projekt „Papp Dich“. Inspiriert durch den „Cradle to Cradle“-Gedanken will die Projektgruppe mit einem flexiblen und nachhaltigen Möbelsystem ein klares Statement setzen für Kreativität und Wirtschaften in Kreisläufen.

Neben den geläufigen Formaten einer Konferenz bietet die Leuphana Konferenzwoche immer auch einige Spezialitäten. So kann man auf der Spielwiese dem Konferenztrubel entfliehen und neben einem wunderbaren Angebot veganer und vegetarischer Köstlichkeiten das Thema gesellschaftliche Verantwortung erkunden. Kunst, Musik und interaktive Formate kultureller und sozialer Initiativen finden dort Platz.

Gast am dritten Konferenztag war auch Monika Griefahn. Zum „Kampf der Strategien“ hatten sich neben ihr auch BUND-Ehrenvorsitzende Angelika Zahrnt, Leonie Bellina, Expertin u.a. zum Thema Environmental Justice (umweltbezogene Gerechtigkeit) und der Dekan der Lüneburger Nachhaltigkeitswissenschaften Leuphana-LogoDaniel Lang auf dem Podium zusammengefunden. Dort wurde klar: Wir brauchen eine integrierende Strategie, die sich Gerechtigkeit zum Ziel (und zum Weg) macht. Das Nebeneinander von Suffizienz-, Konsistenz-, Effizienz- und weiteren Strategien des Wandels reicht also nicht aus. Gefordert ist vor allem auch das Engagement jedes Einzelnen!

Zum Abschluss der Konferenz spürten wir Studenten neben der Erschöpfung dreier intensiver Tage voller Lernen und Begegnung eine Aufbruchsstimmung auf dem Campus. Die wollen wir mitnehmen in das nächste Semester und darüber hinaus. Damit ist klar: Die Konferenzwoche hat ihr Ziel erreicht. Sie setzt Impulse für Transformation – im Kleinen wie im Großen.

Nächstes Jahr, Ende Februar 2016, ist es wieder soweit. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen und willkommen. Wir sehen uns!

Zur Leuphana-Konferenzwoche

Hundertprozentig positiver Fußabdruck

Von Ina Rieck

Beim Cradle-to-Cradle-Kongress

„Es geht darum, die Menschen als Chance zu sehen und zu feiern!“ rief Professor Michael Braungart dem Auditorium zu. Und so kam es auch. Der erste Cradle to Cradle (C2C) Kongress am Wochenende an der Leuphana Universität in Lüneburg war ein regelrechtes Fest: ein Feuerwerk an Ideen und Inspiration, das Lust macht auf Mehr und Mut für die Zukunft. Mit dabei: Über 600 Menschen, quer durch alle Bereiche von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik bis Kultur und Zivilgesellschaft.
Dr. Monika Griefahn, Vorsitzende des Cradle to Cradle  – Von der Wiege zur Wiege e. V., nannte den Kongress ein Meilenstein zum Ziel, dass die Vision C2C in naher Zukunft selbstverständlich ist.

Was ist C2C? Dieses radikal andere Umweltverständnis verdanken wir Professor Michael Braungart und dem amerikanischen Architekten William McDonough: Wir sollen mit der Umwelt nicht sparsamer, sondern intelligenter umgehen! Es ist die Vision einer Welt ohne Abfall. Kompostierbare T-Shirts werden zu Humus, Metalle werden unendlich oft zu Waschmaschinen. In dieser Kreislaufwirtschaft sind Menschen Nützlinge mit positivem Fußabdruck.

In einer scharfsinnigen Rede kritisierte Braungart bisherige Strategien: „Ökoeffizienz reicht nicht. Falsches effizient gemacht, wird nicht gut.“ Die erste Frage müsse deshalb sein: Was ist das Richtige? Es geht ihm um Effektivität, nicht um Effizienz: „Treppensteigen kostet fünfmal mehr Energie, als den Aufzug zu nehmen und ist dennoch sinnvoll für die Gesundheit. Auch Lippenstift ist vollkommen ineffizient, aber sehr effektiv.“
Dr. Michael Schmidt-Salomon, Philosoph und Schriftsteller, bezeichnete in seiner Keynote C2C als vierte industrielle Revolution. Seine Antwort auf Kritik, das Konzept sei weder technologisch noch gesellschaftlich umsetzbar: „Mangel an Fantasie ist nicht zu verwechseln mit Realismus.“

Der C2C Verein hatte im Vorfeld betont, der Kongress sollte keine wissenschaftliche Veranstaltung werden. Das ist gelungen: Die Fantasie der Teilnehmenden wurde genährt, praktische Anregungen gab es in den zahlreichen Vorträgen, Workshops und Diskussionen im Überfluss. C2C begegnet einem im Alltag öfter als man meint: in Sitzbezügen, Teppichen, Verpackungen, Spülmitteln – und Lippenstiften. Schönheit, Vielfalt und Qualität sind also möglich, wenn Ingenieure, Designer und Marketing anders denken und zusammenarbeiten.

Anders, positiv anders, waren auch Stimmung und Atmosphäre. Das lag daran, dass die Veranstalter vieles auch anders organisiert hatten: vegetarisches Catering, zubereitet in Zelten, wiederbefüllbare Flaschen zum Mit-Nachhause-Nehmen, „essbare“ Kongressunterlagen auf C2C-Papier und Strom, sehr effektiv über Kunst generiert. Dr. Monika Griefahn und ihr junges Team aus vielen ehrenamtlichen Helfern wurden mit minutenlangem Standing Ovation gefeiert.
Die Bilanz des ersten Cradle to Cradle Kongresses? Ein hundertprozentig positiver Fußabdruck!

Ina Rieck ist Beraterin für Nachhaltigkeitskommunikation in Berlin

Der Cradle to Cradle e.V.

Die Akteure des Cradle-to-Cradle-Kongresses.

„Weil wir es wollen“

Von Petra Reinken

Monika Griefahn, Frank Horch und die Stecker

Zugegeben, um Schiffe hatte ich mich bis vor einigen Jahren nicht besonders gekümmert. Das ist anders, seit Monika Griefahn Direktorin für Umwelt und Gesellschaft bei Aida Cruises ist und wir uns im IMUK, ihrem Institut, mit Themen rund um Kreuzfahrten, Schiffsemissionen, Energieversorgung von Schiffen oder Plastikmüll im Meer befassen. Darum war die Taufe der LNG Hybrid Barge am vergangenen Samstag im Hamburger Hafen auch für mich ein bemerkenswerter Meilenstein. Aber besser, ich erzähle von Anfang an.

In der gesamten Schifffahrt wird das Thema Emissionen inzwischen immer wichtiger, da ab 2015 strengere Emmissionsvorgaben der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) gelten. Schiffe mit Flüssiggas fahren zu lassen, ist seit einigen Jahren in der Praxis erprobt, besonders Fähren fahren heute schon mit Flüssiggas. Die Emissionen sind damit deutlich geringer als bei einem Dieselantrieb. Aida wird die Schiffe, die nächstes und übernächstes Jahr in den Dienst gestellt werden, mit Dual-Fuel-Motoren ausstatten –also mit Motoren, die auch mit Gas angetrieben werden können. Ein reiner Gasantrieb für Kreuzfahrtschiffe ist allerdings noch Zukunftsmusik. Was aber geht, ist, das Schiff im Hafen mit Strom zu versorgen, der über Gasantrieb hergestellt wird.

Dass eine Kreuzfahrtreederei das auch tatsächlich macht, ist ein absolutes Novum – darum war es ein wirklicher Durchbruch, dass die LNG Hybrid Barge jetzt im Hamburger Hafen liegt. Sie ist das Schiff, das den großen Kreuzfahrer dort mit Strom versorgt. Vier fette Stecker sorgen dafür, dass der Strom aufs Aida-Schiff gelangt. Die AIDAsol kann dann ihre (Diesel)Motoren abschalten, und so werden Emissionen im Hafen erheblich reduziert. Denn bei der Verbrennung von Gas fallen keine Rußpartikel und keine Schwefelemissionen an. Stickoxide und CO2 werden um fast 90 beziehungsweise 20 Prozent reduziert.

Darum war die Taufe der „Hummel“ – so heißt die Barge seit Sonnabend – sicherlich für die Aida-Verantwortlichen ein großer Erfolg, besonders aber für die Konstrukteure von Becker Marine Systems (BMS). Mich hat das auch beeindruckt: BMS hat 16 Millionen Euro in ein Projekt gesteckt, das noch keine Vorbilder hatte. Ich fand gut, was BMS-Chef Lehmann zu den Beweggründen gesagt hat, so ein wirtschaftliches Wagnis einzugehen: „Normalerweise antworte ich auf die Frage, warum wir etwas tun, immer: Weil wir es können. Dieses Mal habe ich gesagt: Weil wir es wollen.“

Den Verdacht hatte ich ja schon lange: Wo ein Wille ist, ist immer auch ein Weg.

Petra Reinken arbeitet im Institut für Medien Umwelt Kultur und ist freie Texterin

Video zur Taufe

Dicke Luft im Hafen?

Von Petra Reinken

Ökumenisches Forum Hafencity - Podium und Zuhörer Wie schlimm ist es nun wirklich mit der Luftbelastung durch den Schiffsverkehr im Hamburger Hafen? Lebt es sich gesünder in der Hafencity mit den Emissionen der Schiffe oder am Rödingsmarkt mit den Emissionen durch den Autoverkehr? Wo soll die saubere Energie herkommen, die all die Schiffe benötigen, und bemühen sich die Verantwortlichen aus Hafen und Stadt sowie die Reeder genügend um Nachhaltigkeit und Lebensqualität? All diese Fragen wurden beim Ökumenischen Forum Hafencity unter dem Thema „Dicke Luft im Hafen“ aufgeworfen – und teilweise auch beantwortet. Auf dem Podium: Monika Griefahn in ihrer Funktion als Direktorin für Umwelt und Gesellschaft bei AIDA Cruises, Lutz Birke von der Hamburg Port Authority (HPA), Umweltpastor Jan Christensen sowie Malte Siegert vom Naturschutzbund Deutschland (NABU).

Dass Anwohner sich Sorgen machen, ist nachvollziehbar, schaut man auf die Zahlen: 10.000 Schiffe, so hieß es, kämen pro Jahr in den Hamburger Hafen, 200 Mal sollen 2015 Kreuzfahrtschiffe dort anlegen. Dass die HPA sich Wachstum, einen höheren Warenumschlag und mehr Wertschöpfung zum Ziel gesetzt hat und gleichzeitig die Umwelt und die Lebensqualität erhalten will, brachte einige Zuhörer zum Zweifeln.

Dennoch wurde deutlich: Die Hafenwirtschaft arbeitet daran, IT-gestützte Logistik aufzubauen, um Verkehrsströme besser zu lenken. Sie will Energie im Hafen selbst erzeugen und Energie effizient nutzen. Teil des Energiekonzepts ist der Landstromanschluss in Altona, der bis Juni 2015 realisiert werden soll, und die Infrastruktur an Land für die LNG Power Barge.

Diese „Barge“ ist quasi ein Schiff mit einem Blockheizkraftwerk, das mit Gas betrieben wird. Schiffe, die im Hafen liegen, können damit ihren Energiebedarf sauberer decken als wenn sie die eigenen Motoren laufen ließen. AIDA Cruises, informierte Monika Griefahn, würde diese Energie abnehmen können. Auf den Schiffen der Kreuzfahrtreederei würden zudem seit diesem Jahr sukzessive Filter eingebaut, die Schwefel, Stickoxide und Rußpartikel erheblich reduzierten.

Was blieb nach zwei Stunden Vortrag und Diskussion? Zum einen der Eindruck, dass der Energiebedarf der Hafenwirtschaft beängstigend hoch ist. Zum anderen der Eindruck, dass alle Beteiligten das Thema „auf dem Zettel“ haben und Konzepte vorliegen, um Schadstoffe zu reduzieren. Und es blieb die einhellige Aussage, dass trotz allem der Schiffsverkehr die ökologischte Art des motorisierten Transportes sei. Immerhin.

Wenn Sarah Wiener zur Revolution aufruft…

Von Petra Reinken

Wenn Sarah Wiener zur Revolution aufruft, Sven Giegold leidenschaftlich für ein demokratischeres Europa argumentiert und Welzer neuerdings empfiehlt, wählen zu gehen – dann ist a) die Europawahl nicht weit und b) taz lab in Berlin.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ein randvolles Programm mit politischer, gesellschaftlicher und kultureller Bildung hatte die Zeitung „die tageszeitung“ für Samstag, den 12. April, unter dem Titel „I love EU – Solidarität ist machbar“ auf die Beine gestellt. Es ließ sich über die Rettung des Euro genauso trefflich debattieren wie über die Kunst der Bruchlandung, über die Situation in der Ukraine genauso wie über Gemeinwohlökonomie, die Energiewende, vegane Ernährung oder den Lobbyismus der Zivilgesellschaft. Schwerpunktmäßig beschäftigten sich die Themen indes mit der Gegenwart und Zukunft Europas. Wenn eines hängen geblieben ist, dann, dass die wichtigen Weichen in Brüssel gestellt werden. Die Zeit, in der dort nur die Krümmung der Gurken festgelegt wurde, ist lange vorbei. Das bedeutet auch: Am 25. Mai nicht die Wahl zum Europäischen Parlament verpennen, sondern wählen gehen!

Anstelle der „Wahlkampfarena“ nutzten zum Beispiel Sven Giegold, Mitglied im europäischen Parlament für die Grünen, und die Linken-Bundestagsabgeordnete Sarah Wagenknecht in der Diskussion „Ist der Euro noch zu retten?“ die Bühne für eine engagierte Debatte über die gemeinsame Währung. Wagenknecht gab zum einen dem ungezügelten Geschäftsgebaren der Banken Schuld an den Miseren in Griechenland, Spanien, Zypern oder Irland, sah aber auch eine Mitschuld an der Schröderschen Agenda 2010 in Deutschland. Diese habe Billiglöhnen und Leiharbeit Tür und Tor geöffnet und das Lohnniveau gesenkt. Deutschlands Exportüberschüsse seien so kein Wunder und gingen zu Lasten anderer Länder.

Giegold sah diese Auswirkungen der Agenda 2010 zwar nicht so deutlich, wünschte sich aber gleichwohl ein solidarischeres Deutschland. Die große Koalition habe aber keine Bereitschaft, sich als solidarisches Land in Europa zu positionieren. Dabei sei ein engeres Zusammenwachsen in Europa seiner Meinung nach die einzige Möglichkeit, Zukunftsfragen zu lösen. Doch noch sei nicht einmal die Demokratie richtig in Europa angekommen – bei allen Entscheidungen der Finanzkrise sei das europäische Parlament gar nicht gefragt worden. Und überhaupt wolle ihm nicht in den Kopf, warum die einmalige Chance der niedrigen Zinsen nicht genutzt werde, um Zukunftsprojekte voranzubringen – also die Firmen für Investitionen in den ökologischen Umbau Europas in die Pflicht zu nehmen.

In dieser Runde sorgte der Finanzexperte Martin Hellweg auf trockene humorvolle Art für die nichtpolitischen Redebeiträge. Wenn die griechische Regierung zum Beispiel heute um 23.59 Uhr beschließen würde, aus dem Euro auszutreten, und es am nächsten Morgen sofort Drachmen zu tauschen gebe, und niemand vorher von dieser Transformation erfahren hätte, dann, so Hellweg, könnte das für Griechenland die Weichen positiv stellen. Was er also meinte, war: Ein Austritt aus dem Euro ist KEINE Option für Griechenland.

Bleibt noch zu klären, wann Sarah Wiener zum Revoluzzer wurde. Die Starköchin und Bio-Verfechterin hatte in einer Diskussion über Reisen in Europa davon berichtet, wie alle Menschen, denen sie in den Ländern begegne, erzählten, sie seien die letzten ihrer Zunft. Die Frau in der 300 Jahre alten Käserei, deren Kinder nicht weitermachen wollten, Fischer, die die Netze für immer einholten und viele mehr – sie alle gäben Tradition und Wissen auf. „Das liegt auch an der agrarindustriellen Landwirtschaft der EU“, folgerte sie. Und weiter: „Ich bin ein sehr apolitischer Mensch, aber wenn ich mich hier so reden höre, dann denke ich, es ist Zeit für eine Revolution!“

Das „taz lab“ in Berlin – es macht jedes Jahr wieder den Kopf frei, erneuert den Spaß an der politischen Debatte und ist ein Stelldichein der Menschen, die es besser machen wollen. Inspiration pur!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA