Der zehnte internationale Cradle to Cradle Kongress hat einmal mehr gezeigt, dass die Transformation hin zu echter Kreislaufwirtschaft schon längst im Gange ist. 1.000 Teilnehmende, 100 Ehrenamtliche und viele deutsche und internationale Referent:innen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft haben an den beiden Tagen vergangene Woche ihre Konzepte, Aktivitäten und Ideen zur Kreislaufwirtschaft nach Cradle to Cradle ausgetauscht. Damit wird der Kongress immer wichtiger als ein Ort, der Impulse für die Transformation setzt.

Das C2C-Panel zur zirkulären Beschaffung.
KREISLÄUFE IN DER ÖFFENTLICHEN BESCHAFFUNG
Für mich dabei besonders wichtig: Echte Kreislaufwirtschaft in der öffentlichen Beschaffung. Das Panel dazu war sehr inspirierend besetzt – mit einem Städte-Vertreter, der das Cradle-to-Cradle-Konzept in seiner Vergabestelle integriert hat, ohne es groß zu thematisieren. Mit einem Geschäftsmann, der Mietmodelle für die kommunale Beschaffung entwickelt hat. Mit einer Ministeriums-Referatsleiterin, die sich für einheitliche Kriterien der zirkulären Beschaffung auf Bundes- und Landesebene einsetzt. Mit einer weiteren Ministeriumsmitarbeiterin, die das Thema in ihren Arbeitsgemeinschaften verankert.
Das jährige Gesamtvolumen der öffentlichen Beschaffung in Deutschland wird auf bis zu 500 Milliarden Euro geschätzt. Die Vergabestellen dieser Republik sitzen also am Hebel, mit zirkulärer Beschaffung und neuen Geschäftsmodellen wirklich einen Unterschied zu machen. Die Ressourcen, die sie dabei sparen können, wären enorm. Sie würden die Abhängigkeiten der internationalen Lieferketten verringern und Gesundheit und Umwelt schützen.
UNTERSTÜTZUNG DURCH KOMPETENZSTELLE

Lars Keller von der Stadt Ludwigsburg.
Die rechtlichen Rahmenbedingungen für die öffentliche Hand, auch andere Kriterien als den Preis anzusetzen, sind längst gegeben. Wenn Vergabeverordnungen das „wirtschaftlichste“ Angebot als Maßgabe für den Zuschlag vorgeben, dann heißt das nicht, dass der günstigste Preis gewinnt. Oft ist die Angst vor einem Rechtsstreit der Grund, warum diese Möglichkeiten nicht ausgeschöpft werden. Einer, der dieses Risiko nicht scheut, ist Lars Keller, der die Zentrale Beschaffung der Stadt Ludwigsburg leitet. Seit 10 Jahren schaut er auf qualitative Kriterien wie Umweltschutz, Gesundheitsschutz und Soziales, wenn Ludwigsburg einkauft. Er sagt, das Risiko von Nachprüfungen müsse man eingehen, wenn man etwas verändern wolle. Da der Bund auch eine Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung eingerichtet habe, sei es aber gar nicht so groß. Sein Plädoyer an die Kolleginnen und Kolleginnen in den anderen Kommunen: Einfach machen!
Dass zirkuläres Denken in der Vergabepraxis noch nicht konsequent umgesetzt wird, musste Christoph Waldmann erfahren, Geschäftsführer des Leuchtenherstellers Herbert Waldmann. Er zog mit einem zirkulären Konzept bei einer Ausschreibung der Bundeswehr für 10.000 Lampen den Kürzeren gegenüber einem linear produzierenden Unternehmen und wünscht sich, dass sein Engagement für Umwelt, Gesundheit und Soziales von den öffentlichen Vergabestellen besser gewürdigt wird.
Die Vertreterinnen der Politik, Anita Lührs aus dem Bundesinnenministerium und Silke Schmidt-Stegemann aus dem Bundesumweltministerium begrüßten die Hinweise aus der Praxis. Sie setzen sich dafür ein, dass die Vergabeverordnungen der Länder und die Regelungen des Bundes vereinheitlicht werden, um Unsicherheiten zu nehmen. Auch sei es wichtig, dass der Bund mehr Rahmenverträge vereinbare, wie bei der IT-Beschaffung längst üblich. Dann könnten sich auch die Hersteller besser auf den Einkauf der öffentlichen Hand einstellen.
WIRTSCHAFT ERPROBT NEUE GESCHÄFTSMODELLE
Die Wirtschaft jedenfalls ist schon längst beweglich und erprobt neue Geschäftsmodelle – wie Christian Eichenberger von Rent Group erklärt. Seine Firma bietet bei der Beschaffung von Büromöbeln ein Mietmodell an. Die Investitionskosten für Bürostuhl, Schreibtisch oder Beleuchtung fallen dabei weg, die Kommunen machen stattdessen Mietverträge über einen bestimmten Zeitraum. Sie haben dann weniger Verantwortung, keine Entsorgungsproblem und fahren oft auch finanziell günstiger als bei einem Kauf der Möbel. Und die Rent Group arbeitet auf, was eine lange Nutzungsdauer der Möbel in diversen Bereichen ermöglicht.
BESCHAFFUNGSRICHTLINIE IN NIEDERSACHSEN SCHON 1992

Auf dem C2C Kongress gab es ein Wiedersehen mit Matthias Miersch, heute SPD-Fraktionsvorsitzender.
Ich selbst darf mir zugutehalten, dass ich als Umweltministerin in Niedersachsen schon 1992 einen Runderlass zu Umweltrichtlinien im öffentlichen Auftragswesen initiiert habe, der – koordiniert mit anderen Ministerien – damals auch in Kraft getreten ist. Da ging es noch nicht ausdrücklich um eine zirkuläre Beschaffung, sondern zunächst erst einmal darum, dass alle Vergabestellen des Landes sich Gedanken um den Umweltschutz, das Energiesparen und um die Materialien machen, die sie einkaufen. Wir haben schon damals definiert, dass das wirtschaftlichste Angebot nicht das billigste sein muss.
Wir haben auf das Gütezeichen Blauer Engel verwiesen, wir haben verfügt, dass Bauschutt getrennt gesammelt werden muss, wir haben betont, dass die öffentliche Hand ihre Vorbildfunktion erkennen und ausüben muss.
Heute ist das noch viel leichter als vor 30 Jahren, denn die Material- und Produktforschung ist viel besser geworden. Auch politische Regulation, etwa bei der Frage von Schadstoffzulassungen, ist strenger geworden. Und es gibt eine Menge Möglichkeiten, solche Produkte zu beschaffen, die in Materialkreisläufen verbleiben können. Die Vergabevorschriften geben das her, nun müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Vergabestellen die entscheidenden Weichenstellungen nur noch in ihre Ausschreibungen aufnehmen.

Bettina Hagedorn (l.), Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesumweltministerium, war Schirmherrin des 10. Cradle to Cradle Kongesses, und sitzt neben der Präsidentin der TU Berlin, Fatma Deniz.
Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie
Monika Griefahn GmbH
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