Roboter, riesige Bildschirme, Nützliches und Dinge, die die Welt nicht braucht – so hat sich die Elektronikmesse IFA in Berlin in diesem Jahr präsentiert. Mitten drin etwas wirklich Zukunftsweisendes: Die Cradle to Cradle NGO mit ihrem Stand zur echten Kreislaufwirtschaft.

Auf der IFA-Creator-Stage: „Reimagine Electronics. Circular by Design“.
Denn während sich beim Schlendern über die Messe irgendwann zwangsläufig die Frage aufdrängt, wie viel Strom hier wohl an einem Tag verbraucht wird, bleibt die Frage, wie viele Materialien hier gebraucht und nie wieder genutzt werden, noch im Verborgenen.
Die Cradle to Cradle NGO ist der Frage nach verwendeten und verschwendeten Ressourcen auf den Grund gegangen.
Die Experten für echte Kreislaufwirtschaft haben gemeinsam mit der Boston Consulting Group die Studie „Materialien, Margen, Regulierung: Der Cradle to Cradle Case auf Europas Konsumelektronikmarkt“ herausgegeben. Die Autoren quantifizieren, in welchem Maße der kommerzielle Nutzen steigen und die Märkte Europas widerstandfähig werden würden, wenn die Cradle-to-Cradle-Herangehensweise eingesetzt würde. Wenn also alle verwendeten Materialien so verbaut und eingeplant sind, dass sie verlustfrei in Kreisläufen zirkulieren und immer wieder verwendet werden können. Bei einer Waschmaschine etwa kann der Primärmaterialbedarf bei einer Kreislaufführung um die Hälfte gesenkt werden.
ABHÄNGIGKEIT VON IMPORTEN
Die Studie liefert Zahlen über eine beängstigende Abhängigkeit von Importen – seien es Rohstoffe oder Komponenten. Die EU-Elektronikbranche bring jährlich 12 bis 13 Millionen Tonnen Material in Verkehr, darunter rund 1,6 Millionen Tonnen kritische Rohstoffe nach der EU-CRMA-Liste. Unter diesen Materialien sind einige, bei denen der Markt fast vollständig von China abhängig ist. Sich hier über ein Recycling Gedanken zu machen, drängt sich geradezu auf.
Material ist in der EU jedenfalls genug vorhanden, wie die Studie auch zeigt. Rund 13 Millionen Elektroschrott hat Europa im Jahr 2022 erzeugt – davon wurde weniger als die Hälfte formal gesammelt. EU-weit stecken kritische Rohstoffe im Wert von 65 Milliarden Euro in Haushaltsgeräten und elektronischen Konsumgütern. Wenn das kein Grund ist, sich mit dem Recycling auseinanderzusetzen!
GEFRIERSCHRANK NACH CRADLE TO CRADLE
Damit das aber gut funktioniert, ist es wichtig, das Produktdesign von Anfang an darauf auszurichten. Die Cradle to Cradle NGO hatte dazu bei der IFA auf die Creator Stage geladen und auf dem Podium Vertreter von eben jenen Firmen zu Gast, die das Design ihrer Produkte neu denken. So schilderte etwa Maria Mack von Liebherr Hausgeräte den Prozess von der Idee bis zum völlig neu konzipierten Gefrierschrank. Zehn Jahre Forschung und eine nach den neuen Bedürfnissen gebaute Produktionsstraße brauchte es, bis das Gerät nun auf den Markt gekommen ist. Jetzt, sagte sie, sei der Gefrierschrank so gefertigt, dass er recycelt werden könne.
Auf dem Podium war außerdem Emanuel Stanoiu von der Magnotherm Solutions GmbH, die ein magnetische Kühlung entwickelt hat, sodass schädliche Kältemittel womöglich bald der Vergangenheit angehören können. Und als Vertreter von reparierbaren Smartphones erzählte Carsten Waldeck, wie sie bei Shiftphone Mobiltelefone neu denken. Es sind nur drei Beispiele von Unternehmen, die sich Gedanken um die Frage der Ressourcen machen und entsprechend handeln. Angesichts der Zahlen aus der Studie, brauchen diese Pioniere unbedingt Gesellschaft.

Monika Griefahn im Gespräch mit Shiftphone, die sich auf der IFA einen Stand mit der Cradle to Cradle NGO teilen.
Eigentlich sollte die Verringerung von Abhängigkeiten schon ein ausreichender Grund sein, sich den dreien anzuschließen – erst recht in diesen krisengeschüttelten Zeiten. Die Cradle to Cradle NGO will den Prozess beschleunigen und fordert darum mehr politische Weichenstellungen. Das hätte auch den Vorteil gleicher Wettbewerbsbedingungen für alle. Wenn man alle externalisierten Kosten – also Schäden an der Gesundheit und der Umwelt – auch einpreisen würde, sähe es mit der Wirtschaftlichkeit linearer Produktion ohnehin schon ganz anders aus.
EU-GESETZGEBUNG FÜR KREISLAUFWIRTSCHAFT
Immerhin versucht die EU Regelungen: Das Recht auf Reparatur, das sie verabschiedet hat, ist ein bekanntes Beispiel dafür. Auch wenn das insofern nicht befriedigt, als dass wir in Europa dann zum Beispiel chinesischen Sondermüll reparieren müssen, statt Geräte zu bevorzugen, die schon im Design darauf ausgerichtet sind. Noch in diesem Jahr soll der Circular Economy Act kommen, mit dem entscheidende Anforderungen an ein Produkt in die Designphase verlegt werden sollen. Damit wäre viel gewonnen.
Und man käme meiner Vision einer IFA näher, bei der nicht nur der Strom zu 100 Prozent aus erneuerbarer Energie kommt, sondern auch die ganzen Materialien aller Konsumgüter in Kreisläufen geführt würden. Das wäre echte Innovation! Sagen wir, in zehn Jahren? Ich würde noch etwas beschwingter über die Messe schlendern.
Zur neuen Studie geht es hier.
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Monika Griefahn GmbH
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